Vorwärts in die Vergangenheit
Vorwärts in die Vergangenheit
Die Älteren unter uns erinnern sich noch: Bei Telefonaten knackte, rauschte und klackerte es in der Leitung. Andere Gespräche wisperten leise im Hintergrund. Erst mit der Umstellung auf das digitale Telefonnetz Ende 1997 war das vorbei. Wer sich verwählte, konnte das nicht mehr auf die Technik schieben. Es herrschte himmlische Ruhe auf den digitalisierten Leitungen. Kurz darauf kam der Wettbewerb und die Preise fielen ins Bodenlose.
Man sollte annehmen, nun seien alle Beteiligten glücklich. Die Anbieter mit einer kostengünstigen, verschleißfreien und störungsarmen Technik auf der einen Seite und die Kunden mit prima Gesprächsqualität und günstigen Preisen auf der anderen. Keine zehn Jahre später kamen einige findige Köpfe aber auf die Idee, dass es ein bisschen viel Aufwand darstellt, den Kunden mit einem Breitbandzugang und obendrein noch mit einem Telefonanschluss zu versorgen. Voice over IP sollte diesen Aufwand glattweg halbieren und die Preise noch weiter drücken.
Nur leider hatten die Anbieter die Rechnung ohne die Technik gemacht. VoIP-Telefonate bedeuteten am Anfang Verbindungsabbrüche, Aussetzer und Echos ohne Ende. Mitunter lief die Verbindung nur in eine Richtung. Zahlreiche Nachbesserungsrunden später hat sich die Situation zwar gebessert, von der Zuverlässigkeit und Qualität des guten alten Telefonnetzes sind die VoIP-Anbieter aber immer noch um Größenordnungen entfernt. Und das wird auch noch eine ganze Weile lang so bleiben, möglicherweise sogar für immer.
Größtes Problem ist, dass die Vermittlungseinheit bei den VoIP-Angeboten der Telefongesellschaften aus der Vermittlungsstelle zum Kunden gewandert ist. Da gehört sie nicht hin. Es kann nicht die richtige Lösung sein, dass sich der VoIP-Adapter mit den an der gleichen, wackligen DSL-Leitung angeschlossenen Computern um Bandbreite balgt und bei einem Stromausfall den Dienst quittiert. Dazu ist das Telefon zu wichtig. Die Vermittlungseinheit gehört in die Vermittlungsstelle: Nur so ist sicherzustellen, dass VoIP genauso störungsfrei funktioniert wie das gute alte Festnetz. Im Moment spielt VoIP in dieser Hinsicht eher in der zweiten Liga, zusammen mit dem Mobilfunk.
Wenn wenigstens der Rest funktionierte, könnte man damit ja noch leben. Aber nicht einmal die Anwahl aller Sonderrufnummern klappt an allen VoIP-Anschlüssen, sogar Notrufe scheitern bei einigen Anbietern. Längst nicht jeder ist dabei so ehrlich wie die Telekom-Tochter Congstar, die ihre Kunden in entwaffnender Offenheit darauf hinweist, dass Gespräche in andere Netze "nicht in allen Fällen möglich" seien.
Wenn man schon drangeht, ein System zu ersetzen, das tipptopp in Schuss ist, dann doch bitte schön richtig. Ich will immer erreichbar sein und nicht bei Anrufen zu etwas exotischeren Servicenummern alle meine VoIP-Accounts verschiedener Anbieter durchprobieren müssen, wer mir jetzt freundlicherweise die Anwahl dieser Rufnummer gestattet, um nicht zum teuren Handy greifen zu müssen. VoIP-Angebote sollen den Festnetzanschluss ersetzen. Es wird Zeit, dass die Provider das Beta-Stadium hinter sich lassen. (uma)