ProzessorgeflĂĽster

Nun ist es raus: AMD lässt Intel davonziehen. Statt krampfhaft zu versuchen, an der Leistungsspitze mitzuhalten, will Athlon-Mastermind Dirk Meyer sein Unternehmen auf einen verlässlichen Kurs in den profitablen Massenmärkten bringen.

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Inhaltsverzeichnis

Mit der Abspaltung der Fertigung in ein separates Unternehmen, dessen arabische Mehrheitseigner „geduldiges Kapital“ investieren, hat AMD den eigenen Hals aus der Kreditschlinge gezogen – viel mehr aber zunächst nicht. Auf dem Financial Analyst Day am 13. November zeigte der seit Juli – also seit 120 Tagen – amtierende AMD-CEO Dirk Meyer dann, wie er sich die Zukunft seiner Restfirma, „The Product Company“, in den nächsten drei Jahren vorstellt: Er verabschiedet sich von aufwendigen Projekten sowie riskanten Terminplänen und fokussiert die verbliebene Entwicklungskapazität auf besonders volumen- und umsatzstarke Geschäftsfelder. Zunächst wird es deshalb keine Netbook-Prozessoren von AMD geben und zumindest vor 2011 auch keinen Versuch mehr, Intels Nehalem-Architektur in puncto Performance zu übertrumpfen. Die bereits 2006 kurz nach der ATI-Übernahme angekündigten Fusion-Kombiprozessoren, die CPU und Grafikkern (GPU) in einem Gehäuse oder auf einem Chip vereinen, sollen erst 2011 kommen, nämlich aus der dann in Dresden laufenden 32-Nanometer-Fertigung.

Die nächsten zwei Jahre lang lässt AMD bei der „Foundry Company“ also 45-Nanometer-Chips fertigen; nach dem ermutigenden Start des Shanghai-Opteron (siehe S. 24) kommt früh im nächsten Jahr der Phenom II X4 für Desktop-Rechner hinzu. Davon wird es mehrere Versionen geben, nämlich eine mit 6 MByte L3-Cache und eine ohne L3-Cache sowie Varianten im aktuellen Prozessorgehäuse AM2+ mit DDR2-Speichercontroller sowie AM3-Versionen, die eigentlich für (AM3-)Mainboards mit Steckplätzen für DDR3-Speicher gedacht sind, aber auch auf vielen aktuellen AM2+-Boards laufen sollen. Der Phenom II ist das Herzstück der neuen Plattform Dragon, die der vor einem Jahr eher schlecht gestarteten Spider-Plattform folgt; in der bisherigen Roadmap war von Leo statt Dragon die Rede. Der Drache soll jedenfalls, wie es Spekulationen schon vorwegnahmen, anlässlich der Consumer Electronics Show (CES) im Januar 2009 abheben.

Die 45-nm-Phenoms Deneb (mit L3-Cache) und Propos (oder Propus) sollen zwei Jahre lang im Markt bleiben – möglicherweise wird über diesen Zeitraum die Taktfrequenz deutlich über das anfängliche Maximum von 3 GHz hinaus wachsen. Über Dual-Cores für Desktops wurde beim Analyst Day kaum gesprochen, doch sind sicherlich noch welche geplant – auf früheren Roadmaps war jedenfalls noch ein Regor zu finden sowie die Triple-Cores Heka und Rana. Man munkelt, dass die L3-Cache-losen Prozessoren als Athlons erscheinen, also Athlon X2, X3 und X4.

Mittlerweile sind Desktop-PC-Prozessoren aus Sicht vieler Analysten nur noch Nebensache, denn viel stärkeres Wachstum verzeichnen Notebooks – und hier hat Intel mit Centrino/Core 2 und den Atoms für billige Netbooks sämtlichen Boden zurückerobert, den sich AMD bei den Marktanteilen mühsam erkämpft hatte. Auch wenn sich AMD mit angeblich mehr als 100 unterschiedlichen Notebook-Varianten ziert, in denen die aktuelle Puma-Plattform mit 780M-Chipsatzgrafik und Turion-Ultra-Prozessoren (Codename Griffin) steckt: Wirklich überzeugend sind die mobilen AMD-Offerten nicht. Zwar ist die AMD-Chipsatzgrafik der von Intel tendenziell überlegen, doch die Core 2 Duos sind bei der Effizienz weit voraus. Für besonders schlanke Notebooks, auch Thin-and-Light oder Ultraportable genannt, soll von AMD im ersten Halbjahr 2009 die Yukon-Plattform kommen, zu der der 65-nm-Doppelkern namens Conesus mit höchstens 25 Watt TDP gehört. Er soll (auch) in Gehäuseversionen zum Einlöten kommen, also im Ball-Grid-Array-(BGA-) statt Pin-Grid-Array-Package. Ein 45-nm-Nachfolger (Geneva) mit DDR3-Interface ist erst 2010 geplant, 2011 kommt dann der Fusion-Prozessor Ontario in diesem Produktsegment.

Bei Mittelklasse-Notebooks plant AMD den 45-nm-Umstieg im zweiten Halbjahr 2009 mit der Plattform Tigris und dem Dual-Core Caspian, 2010 steht der Quad-Core Champlain auf der Roadmap. 2011 kommt Llano, eine Accelerated Processing Unit (APU) mit vier CPU-Kernen und integrierter Grafik – also ein Kombiprozessor wie Ontario. Der kräftigere Llano ist auch für Desktop-Rechner vorgesehen, die 2011 im High-End mit dem Mehr-als-Quad-Core Orochi bestückt werden können. Darin steckt keine Grafik, sondern hier sind separate Radeon-Karten vorgesehen. Diese GPUs will AMD übrigens wohl schon ab 2010 mit 32-Nanometer-Technik auf „Bulk Silicon“ (statt Silicon-on-Insulator) in der eigenen Foundry fertigen lassen; die Fab 38 in Dresden soll Mitte 2010 mit der Großserienproduktion beginnen.

AMD-Fans dürften von der neuen Roadmap enttäuscht sein, dokumentiert sie doch das Eingeständnis, dass man Intel weder bei den Netbooks noch bei Nehalem etwas entgegenzusetzen hat. Meyer und sein Team haben aber offenbar sorgfältig ausgewählt, was sie mit den AMD verbliebenen Mitteln bei Entwicklung, Fertigung, Finanzierung und Personal für machbar halten. Einen Ultra-Lowcost-Prozessor wie den Atom, bei dem selbst Intel freimütig einräumt, dass er den mittleren CPU-Verkaufspreis (Average Sales Price, ASP) deutlich senkt, kann AMD zurzeit nicht brauchen – im Gegenteil, ein höherer ASP ist das Ziel. Und beim Nehalem für Desktop-Rechner, also dem Core i7, ist sich ja offenbar nicht einmal Intel selbst sicher, ob er viele Käufer findet – zunächst gibt es deshalb bloß drei eher teure Ausführungen. Der Volumenmarkt wird frühestens im dritten Quartal 2009 mit der neuen CPU-Generation beglückt, aber dann mit billigeren Inkarnationen für Mainboards mit zwei (statt drei) Speicherkanälen und einem Single-Chip-„Chipsatz“.

Weil AMD Intel bei der Performance nicht übertrumpfen wird, stellt man statt harter Benchmark-Werte den weichen Begriff der „Ausgewogenheit“ in den Marketing-Vordergrund: Die Marke „Fusion“ steht für „Balanced Platforms“. Konkret gemeint sind Kombinationen aus Haupt- und Grafikprozessoren, die für die jeweiligen Marktsegmente attraktive Verhältnisse zwischen Preis, Leistung und Energiebedarf erreichen. Um es garstig auszudrücken: Schnelle, effiziente Radeon-Grafikchips und AMD-Chipsätze sollen die eher mäßige CPU-Performance kompensieren.

Nicht nur AMD denkt in diese Richtung, in der das vor einigen Jahren angekündigte Torrenza-Konzept der Co-Prozessoren und Applikationsbeschleuniger aufgeht, sondern auch Nvidia (mit CUDA) und Intel mit dem Grafik- und Co-Prozessor Larrabee und den für 2010 mit der Prozessorarchitektur Sandy Bridge angekündigten Advanced Vector Extensions (AVX) für alle Hauptprozessoren. Noch ist freilich der Nutzen eines Grafikchips als Applikationsbeschleuniger (General-Purpose-GPU, GPGPU) für Desktop-PCs und Notebooks beschränkt: Es gibt bloß einige Distributed-Computing-Clients (Folding@home), HD-Video-Encoder (siehe S. 28) und teure Passwort-Knacker (von ElcomSoft); außerdem nutzen einige Adobe-Produkte GPU-Funktionen (Reader, Photoshop ab CS4, After Effects ab CS3). Es dürfte noch Jahre dauern, bis weit verbreitete Standardsoftware von GPGPU-Technik profitiert. Bisher ist sich die Branche nicht einmal über die Softwareschnittstelle einig: Nvidia favorisiert CUDA, Intel hat C-for-Throughput-Compiler mit der für unsere Ohren schmeichelhaften Abkürzung Ct angekündigt, Microsoft plant Compute Shaders für DirectX 11 und die OpenGL-Gralshüter von Khronos tüfteln an OpenCL.

Abgesehen von ordentlicher 3D-Grafikbeschleunigung ist AMD Fusion mangels Software bisher eher eine Vision als ein konkreter Produktvorteil. Es gibt Anzeichen dafür, dass AMD hierbei den Schulterschluss mit Intel sucht und keinen Sonderweg wie Nvidia mit CUDA beschreiten will: Bis 2011 muss das 2001 zuletzt verlängerte Cross-Licensing-Abkommen mit Intel neu ausgehandelt sein. Dabei könnte AMD von Intel eine AVX-Lizenz erhalten, sodass die AMD-APUs auch Ct-Applikationen verarbeiten würden. Von den 2007 angekündigten, AMD-eigenen SSE5-Anstrengungen hat man jedenfalls seither fast nichts mehr gehört. In Llano und Ontario sollen die ursprünglich bereits für 2009 angekündigten Bulldozer/Bobcat-Prozessorkerne stecken – die möglicherweise eben 2011 mit AVX kommen.

Der seit März amtierende Marketing-Chef Nigel Dessau will die Marke AMD stärken – mit einfachen, klaren Botschaften. Fusion ist eine davon, „Balanced Platform“ eine weitere. Bei Servern stellt AMD die Virtualisierung in den Vordergrund. Das Motto „See for yourself“ soll potenziellen Käufern den Nutzwert von AMD-Produkten verdeutlichen. Der Enterprise-PC-Markt – also Bürocomputer für Großfirmen – spielt dabei keine so große Rolle mehr, man hat nun mit Desktop- und Mobilrechnern wieder eher kleinere Firmen und vor allem Privatleute im Visier; diese Kundenkreise wissen AMD-Stärken wie günstige Preise und hohe 3D-Performance am besten zu schätzen.

Die von AMD geladenen Analysten bohrten in Bezug auf Netbook-Prozessoren besonders tief, doch Dirk Meyer stellte klar: AMD hat kein Interesse an Plattformen, die im Vergleich zu gewöhnlichen PCs und Notebooks stark beschnitten sind. Auch Mobile Internet Devices (MIDs) – für die Intels Atoms ja eigentlich vorgesehen sind – lässt AMD bewusst links liegen. Die schwächsten Geräte mit AMD-Prozessoren sollen auf der Yukon-Plattform aufbauen; hier peilt man relativ niedrige Preise an.

Dirk Meyer sprach vom „Netbook-Phänomen“, dessen Tragweite und Relevanz sich nur schwer abschätzen lasse. Diese Aussage wirkt bei einem Firmenchef zwar nicht sonderlich professionell oder vorausschauend, aber auch Intel erklärt ja die Atom-Lieferschwierigkeiten mit der eigenen Überraschung über den reißenden Absatz. Es ist aber schon ein wenig verwunderlich, wie hartnäckig AMD die Netbooks ignoriert, denn immerhin erreichten Netbooks im dritten Quartal 2008 laut Gartner in den USA fünf Prozent Stückzahl-Anteil am Notebook-Markt, in der EMEA-Region sogar zehn Prozent. Das sind größere Stückzahlen, als sie beispielsweise Server und Workstations zusammen erreichen. Intel hat mit Prozessoren und Chipsätzen für Netbooks im dritten Quartal 200 Millionen US-Dollar eingefahren – das entspricht mehr als 14 Prozent des Umsatzes der gesamten AMD-Sparte Computing Solutions.

Alle Hoffnung ruht bei AMD jetzt auf den 45-nm-Prozessoren, die in allen Belangen ausgereizte K8-Generation braucht schnellstens Ablösung. Bis auf 3,1 GHz hat AMD die 65-nm-Athlons schon gezwiebelt, die Produktpalette der normalen Doppelkerne ist in der aktuellen Preisliste auf fünf Prozessoren mit 2,6 bis 3,1 GHz zusammengeschnurrt, dazu kommen noch je einige 45-Watt- und Business-Varianten. Die X3- und X4-Phenoms eignen sich unterdessen kaum für kompakte Bürocomputer, ihre Volllast-Leistungsaufnahme liegt für leise Kühlung viel zu hoch – und die sparsamen e-Varianten takten so niedrig, dass man sie eigentlich auch nicht will.

Auch wenn die 45-Nanometer-Opterons ermutigende Benchmark-Ergebnisse bei hoher Effizienz liefern und AMD vor allem bei den dicken x86-Eisen mit vier und mehr Prozessoren punkten kann: Das Zeitfenster, um Profit aus hoher Performance zu schlagen, ist schmal. Der Nehalem-EP für Zwei-Prozessor-Server wird wohl als Xeon 5500 mit 2,0 (E5504) bis 3,2 GHz (W5580) noch vor der CeBIT 2009 starten und dürfte dank sechs PC3-10600-Speicherkanälen pro Board und schnellen QPI-Links auch den geplanten 2,8-GHz-Shanghai weit hinter sich lassen. Schon jetzt haben einige Cluster-Betreiber Lieferverträge für Nehalem-Maschinen unterzeichnet. Im kommenden Herbst starten die Nehalem-EX-Xeons für große Multiprozessormaschinen. Dann will AMD zwar den Hexa-Core Istanbul nachschieben, doch ob dieser – mit weiterhin zwei Speicherkanälen pro CPU – dem Nehalem-EX Paroli bieten kann, ist zweifelhaft.

Zumindest in den nächsten beiden Jahren bleibt AMD wohl nichts anderes übrig, als mit günstigeren Preisen gegen Intel anzutreten. Genau darauf fokussiert Dirk Meyer offensichtlich alle Anstrengungen: Die arabische Finanzrochade führt letztlich dazu, dass der Break-Even-Punkt für die „AMD Product Company“ sinkt, vorgezogene Abschreibungen und niedrigere Zinslasten drosseln die Fixkosten der „Foundry Company“ – dazu kommt noch der erhebliche Personalabbau. Zudem soll die Wertschöpfung dadurch steigen, dass die Fertigung der mittlerweile profitablen Grafikchips von Auftragsfertigern in die eigene Foundry geholt wird – und wenn das Fusion-Konzept aufgeht, verbessert sich so die Position gegen Nvidia erheblich.

Das ist indes noch Zukunftsmusik. Dirk Meyer sagt klar, dass die nun überarbeitete Roadmap eher konservativ bestückt wurde. Doch mit einfachen, klaren Aussagen wie Fusion sowie dank der harten Maßnahmen zur Kostensenkung soll es möglich sein, mit den geplanten Produkten Geld zu verdienen. Dirk Meyer will AMD jedenfalls – „for the first time ever“ – in ein profitables Unternehmen verwandeln und betont, dass er und sein Team als „klarsichtige Geschäftsleute nun schlichtweg genug haben von Verlusten“ und es „kaum erwarten können, endlich die Kasse klingeln zu hören“. Wir drücken die Daumen. (ciw) (ciw)