Websites aktuell
Journalismus online
www.nicht-erschienen.de
http://carta.info
Die Seite Nichterschienen ist kein weiteres „Jeder darf schreiben, keiner will es lesen“-Projekt des Web 2.0, sondern eine Plattform für journalistische Arbeiten, die es bislang nicht in den Druck geschafft haben. Doch da kippt nicht jemand einfach nach der Redaktionssitzung den Papierkorb ins Web. Vielmehr enthält die Website lesenswerte Artikel, die oft aus organisatorischen Gründen nicht veröffentlicht wurden. Diese Gründe sind am Ende der Texte erläutert; in einer Randnotiz stellt sich der Autor vor, erzählt von der Recherche oder steuert Bildmaterial bei. Die Initiatorin Tanja Schwarzenbach will nur Texte ausgebildeter und erfahrener Journalisten annehmen. Dementsprechend übersichtlich sind noch die Schar der Autoren und das Artikelangebot. Und die Generation Blog vermisst natürlich die Möglichkeit, Beiträge direkt zu kommentieren.
Mehr im Trend und selbstverständlich „beta“ kommt Carta daher, das „Mehrautoren- und Meta-Blog für Politik, Medien und Ökonomie“. Was die Website aber nicht vor einem kräftigen Nasenstülper von Alpha-Blogger Donalphonso feite. Der hielt der Plattform ihre überhebliche und schwülstige Selbstdarstellung vor, um dann technische und inhaltliche Unzulänglichkeiten dagegenzuhalten. Das hatte die Plattform verdient, die sich anfangs als „entscheidende Ressource für die Steigerung des Niveaus aktuell-gesellschaftlicher Informationsverarbeitung“ bezeichnete. Für so hohen Anspruch sind etliche der Texte zu oberflächlich oder zu weitschweifig. Man tut Carta keine Gefallen, wenn man schon jetzt einen Vergleich zur legendären Huffington Post zieht. (ad)
Bildersuche anders
www.pixolu.de
http://labs.ideeinc.com/multicolr
Bilder zu einem bestimmten Thema findet man recht einfach mit Google. Doch es gibt auch interessante Alternativen: Bei Pixolu startet die Suche ebenfalls durch Eingabe von einem oder mehreren Stichworten; einbeziehen lassen sich Google, Yahoo und Flickr. Am besten beschränkt man die Anzahl der Treffer auf 100, da das Projekt der Fachhochschule für Technik und Wirtschaft Berlin häufig überlastet ist. Die Treffer erscheinen auf einem virtuellen Leuchttisch und lassen sich vergrößern. Nun sucht man aus Fotos, Zeichnungen, Symbolen et cetera die passenden heraus und zieht sie in ein separates Feld. Im nächsten Suchvorgang fahndet Pixolu dann nach dazu semantisch ähnlichen Bildern. Was das genau bedeutet, bleibt im Dunkeln, doch man erhält oft erstaunlich gute Treffer.
Multicolr Search Lab sucht nicht nach dem dargestellten Inhalt, sondern nach der Farbe. Der Dienst fahndet bei Flickr oder Alamy Stock Photography nach Bildern, die in möglichst großen Bereichen einen bestimmten Farbwert enthalten. Schritt für Schritt lassen sich über die kinderleicht zu bedienende Oberfläche bis zu zehn Farbwerte kombinieren. So erhält man eine große Auswahl von Bildern, die beispielsweise in ein vorhandenes Webdesign passen oder auf der nächsten Party als markante Beamer-Show ablaufen. Da die Farben als hexadezimale RGB-Werte in der URL übergeben werden, lässt sich der Suchdienst auch einfach per Skript steuern. (ad)
Jedem sein Highschool-Porträt
Ob das Verunstalten von Fotos, auf denen Mitmenschen zu sehen sind, mit unbewusstem Zurückfallen in kindliche Verhaltensmuster zu erklären ist, wissen wir leider auch nicht – auf alle Fälle macht es einen Riesenspaß. Spätestens seit Mitte der 90er Jahre, als das berüchtigte „Kai’s Power Goo“ das Licht der Welt erblickte, versorgt uns die Softwareindustrie mit Programmen, die eben diesen seltsamen Trieb befriedigen.
Auch online kann man sich an Porträtfotos verlustieren. Auf yearbookyourself.com beispielsweise lässt sich flashbasiert simulieren, wie jemand in einem typischen amerikanischen Highschool-Jahrbuch ausgesehen hätte. Nachdem man das Geschlecht ausgewählt und ein Bild hochgeladen hat, wird per Zeitstrahl das gewünschte Jahr eingestellt. Das Potpourri modischer und frisurtechnischer Extravaganzen beginnt 1950 und endet im Jahr 2000. Bei der Website handelt es sich um Werbung eines US-amerikanischen Einkaufszentren-Betreibers; die Marketing-Botschaften beschränken sich aber auf Links zu Modegeschäften, die zur ausgewählten Ära passen. (jkj)
Lang ist langweilig
Als Andy Warhol 1968 orakelte, in Zukunft werde jeder für 15 Minuten weltberühmt, schien dies zu Flüchtigkeit und Reichweite des damals noch jungen Mediums Fernsehen zu passen. Was Warhol nicht ahnte: Dem Fernsehen erwuchs eine Konkurrenz namens Internet, bei der die durchschnittliche Aufmerksamkeitsspanne nur einen Bruchteil von 15 Minuten beträgt. Im Falle des Minivideo-Blog 12seconds.tv muss sich der Zuschauer nur zwölf Sekunden für einen Clip nehmen.
Wie weit es allerdings mit dem Ruhm her ist, wenn Mütter ihre Babys in die Kamera halten oder überwichtige Männer von zwölf rückwärts zählen, sei dahingestellt. Engagierte Fremdschämer, denen ein Mario Barth nicht reicht, kommen hier jedenfalls auf ihre Kosten. Es gibt allerdings auch phantasievollere Mini-Clips. Das Programm ist noch recht übersichtlich; wer teilnehmen will, muss eine E-Mail-Adresse angeben und um eine Einladung bitten. (ad)
Gutes Tröpfchen
Marlene Duffy hat einen ausgefallenen Beruf: Sie ist Sommelière, wird also fürs Weintrinken bezahlt. Eine solche Mundschenkin organisiert üblicherweise die Weinkeller der gehobenen Gastronomie und berät dort zahlungskräftige Kundschaft bei der Wahl des Rebensafts. Auf ihrer Website BottlePlot greift sie aber in für jedermann zugängliche Weinregale und verkostet erschwingliche Tropfen.
Den Verkostungen wohnt man in Form von Videoclips bei, in denen sich Duffy je zwei Weine zur Brust nimmt. Wer eine gemütliche Matrone mit dicker roter Nase erwartet, sieht sich getäuscht: Marlene Duffy ist recht jung und äußerst lebhaft. Sie zappelt herum, während sie etwas zum Hintergrund der Weine erzählt, um dann endlich den ersten Schluck zu nehmen und im Mund herumzurollen. Dann kommt der Moment, auf den alle Fans gewartet haben: Mit geübten Griff zieht Duffy ein Eimerchen heran und spuckt den Wein nicht ganz geräuschlos aus. Dann folgt eine bildreiche Erklärung, bei der Sie etwa das Teeraroma eines Rotspons preist oder von der Farbe der Früchte schwärmt, die sie erschmeckte. Und der Zuschauer lernt: Geschmack kann etwas sehr Vielfältiges sein, wenn man sich nur intensiv genug darauf konzentriert. (ad)
Die Websites aus c't 24/2008