3D als Kinoverstärker

Der Filmproduzent Jeffrey Katzenberg gehört zu den größten Verfechtern der Stereoskopie im Kino. Er ist davon überzeugt, dass bereits in wenigen Jahren die meisten Filme in 3D gezeigt werden. c't sprach mit Katzenberg über Pappbrillen, verschlafene Kinobetreiber und große Gefühle.

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Man könnte ihn einen Evangelisten nennen: Jeffrey Katzenberg tingelt seit Jahren durch die Welt, um die Vorzüge des 3D-Films zu preisen. Der Mann weiß, wovon er spricht: Seit Ende der 70er Jahre ist er als Filmproduzent tätig. Katzenberg hob den ersten Star-Trek-Spielfilm aus der Taufe, richtig los ging es dann bei Disney. Als Studiochef verantwortete er einige der erfolgreichsten Disney-Filme – unter anderem „Die Schöne und das Biest“, der erste Zeichentrickfilm, der für einen Oscar als bester Film nominiert wurde. Nach einem Zwist mit seinem Arbeitgeber gründete er mit seinen Kollegen Steven Spielberg und David Geffen ein eigenes Studio: DreamWorks. Hier machte Katzenberg „Shrek“, „Madagascar“ und „Kung Fu Panda“ zu Kassenschlagern. Bereits im März vorigen Jahres kündigte Katzenberg an, dass ab 2009 alle Filme der DreamWorks-Animationssparte auch in einer stereoskopischen Fassung produziert werden.

Wir trafen Jeffrey Katzenberg bei einer Pressevorführung des neuen DreamWorks-Films „Monsters vs. Aliens“ in Berlin und sprachen mit ihm über die Zukunft von 3D.

c't: Herr Katzenberg, Sie sind nach Deutschland gekommen, um die Werbetrommel für Ihren neuen Film zu rühren. Besonderes Augenmerk liegt auf der 3D-Version. Doch von allen 4800 Kinoleinwänden in Deutschland sind unseres Wissens lediglich knapp 30 Säle 3D-fähig. In Österreich sind es 11, in der Schweiz 3. Glauben Sie, dass die Leute überhaupt mitbekommen, dass sie „Monsters“ in 3D sehen können?

Katzenberg: Das ist in der Tat noch ein Problem. Wissen Sie, das ist ein bisschen wie mit dem Huhn und dem Ei. Wenn wir keine Filme machen, beginnen die Kinos auch nicht mit der 3D-Umrüstung. Irgendjemand muss den ersten Schritt machen.

c't: Sie glauben also nicht, dass die Leute enttäuscht sein werden, wenn sie hören, dass es den Film in 3D gibt, aber kein Kino in der Nähe ihn stereoskopisch zeigt?

Katzenberg: Wir haben einen tollen Film gemacht. Und ob Sie den nun in 2D oder 3D sehen, ob sie ihn zu Hause, im Kino, auf einem MP3-Player, auf einem Notebook sehen … Es geht doch um die Story. Und je nachdem, wie Sie den Film sehen, wird es eine andere Erfahrung sein.

c't: Sie sagen also, die Leute können den Film auch zu Hause sehen. Dabei hoffen viele Kinobetreiber doch, dass sie mit der neuen Technik Kino wieder zu einem „exklusiven“ Erlebnis machen und sich vor allem vom heimischen Wohnzimmer absetzen können.

Katzenberg: Man könnte sich zwar einen 3D-fähigen Fernseher ins Wohnzimmer stellen, aber der wird Ihnen kein so tolles Erlebnis wie das Kino bieten. Für mich ist klar, dass sich die Kinos mit 3D-Technik neu erfinden und etwas Besonderes bieten können – auch wenn es nur für fünf bis zehn Jahre ist. Wenn man heute Loyalität von seinen Kunden will, muss man immerzu hart daran arbeiten, ihnen ein gutes Produkt zu liefern. Die Kinos haben das in den letzten 20 Jahren nicht konsequent genug getan.

c't: Die Bildqualität im Kino ist bei analoger Projektion heute schlechter als früher, da qualitativ minderwertige Filmkopien gezeigt werden. Da hat man zu Hause mit einem Blu-ray-Player und einem 2000-Euro-Beamer ein besseres Bild.

Katzenberg: Und wenn Sie heute ins Kino gehen, zahlen Sie zehn Dollar und müssen 20 Minuten Werbung angucken. Ich mag das nicht. Es gibt da viele Kritikpunkte. Aber jetzt kommt eine neue Chance. Und diejenigen Kinobetreiber, die genug Unternehmergeist haben, um die neue Technik zu installieren – die werden am Ende die Gewinner sein.

c't: Aktuelle 3D-Systeme funktionieren ausschließlich mit digitalen Projektoren. Glauben Sie, dass 3D die Kinobetreiber überzeugen wird, auf Digitaltechnik umzusteigen?

Katzenberg: Ganz sicher. Der Grund, warum der digitale Roll-Out so langsam anläuft, liegt ja darin, dass der Kinobetreiber keinen Vorteil hat. Lediglich die Verleiher profitieren, weil sie viel Geld für Filmkopien einsparen.

c't: Aber im Vergleich zu den meisten aktuellen Analogkopien ist Digitalkino doch qualitativ besser.

Katzenberg: Sie sind wahrscheinlich ein Cineast. Die Kinobesucher haben kein Problem mit analoger Projektion.

c't: Also, ich habe schon von „normalen“ Kinogängern gehört, dass ihnen die Qualität der digitalen Projektion positiv aufgefallen ist.

Katzenberg: Ich bin ja Ihrer Meinung. Ich will nur sagen: Jetzt haben wir die Chance, den Kinobesuchern ein wirklich außergewöhnliches Erlebnis zu bieten.

c't: Glauben Sie nicht, dass sich die Zuschauer von den 3D-Brillen gestört fühlen?

Katzenberg: Nein, die Brillen, die Sie heute getragen haben, mit diesen Ray-Ban-artigen Fassungen, die sind überhaupt kein Problem*. Diese Rot-Grün-Pappbrillen – damit sahen die Leute richtig dämlich aus.

c't: Auf den „Monsters vs. Aliens“-Plakaten erwähnen Sie explizit RealD. Glauben Sie, dass dies das aussichtsreichste 3D-System ist?

Katzenberg: Es gibt mehrere Systeme, die funktionieren. Wir unterstützen zum Beispiel auch das Dolby-System und das koreanische System …

c't: In Deutschland ist das XpanD-System (früher NuVision) mit den aktiven Shutter-Brillen am meisten verbreitet.

Katzenberg: Aber stellen Sie sich mal ein kleines Kind mit diesen Shutter-Brillen vor. Das ist unmöglich, die sind viel zu schwer. Wir unterstützen sie, aber es ist sicher nicht sonderlich toll, solche Brillen anderthalb Stunden lang zu tragen.

c't: Aber von der Bildqualität her ist das XpanD-System sehr gut.

Katzenberg: Ja, es geht mir nur ums Gewicht. Ich glaube, das ist ein echtes Problem.

c't: Und warum steht dann nur RealD auf den Plakaten, wenn Sie auch andere Systeme unterstützen?

Katzenberg: Wir haben ein Marketingprogramm mit RealD und IMAX. Ich reise ja um die ganze Welt, um die Leute mit ins 3D-Boot zu kriegen. Dabei unterstützt mich RealD wirklich gut. Die Installation hier ist auch von RealD aufgebaut worden.

c't: Und sie wird sofort wieder abgebaut. Finden Sie es nicht komisch, dass wir nicht einmal hier in der Bundeshauptstadt ein digitales 3D-Kino haben?

Katzenberg: Aber wenn Sie nun darüber schreiben und den Leuten sagen: „Ich hab’s gesehen und es ist die Killer-Applikation, auf die die Leute in ihren Kinos warten“, dann wird es vielleicht was.

c't: Das Problem ist, dass viele Leute glauben, dass sie 3D schon kennen. Es gibt ja schon seit Ewigkeiten 3D-Systeme für konventionelle Filmprojektoren und sogar für Fernseher. Dass die neuen digitalen Systeme weitaus besser funktionieren, ist schwierig zu vermitteln.

Katzenberg: Ja, das ist aber Ihr Job (lacht). Mein Job ist es, hierher zu kommen und Ihnen was zum Schreiben zu geben.

c't: Können Sie sich eigentlich einen Film vorstellen, der nicht in drei Dimensionen funktionieren würde?

Katzenberg: Nein.

c't: Nicht einen einzigen?

Katzenberg: Ich kann mir keinen Film vorstellen, der in 3D nicht besser wäre.

c't: Es gibt Ihrer Meinung nach also auch kein Genre, das nicht in 3D funktioniert?

Katzenberg: Nein. Ich denke zum Beispiel, „The Departed“ wäre in 3D unglaublich toll, genauso wie „Juno“ zum Beispiel. Wissen Sie, die Leute denken bei 3D immer nur an die riesigen Actionszenen, irgendwelche einstürzenden Brücken, donnernde Kampfflugzeuge …

c't: In den „Monsters vs. Aliens“-Ausschnitten, die Sie heute gezeigt haben, fand ich besonders die ruhigen Szenen sehr beeindruckend, zum Beispiel die in der Kommandozentrale.

Katzenberg: Ganz genau. Ich finde, dass das der immersivste Moment der Ausschnitte heute war. Weil man auf einmal gedacht hat, man sei wirklich in dieser Kommandozentrale, mitten drin im Zentrum der Handlung.

c't: Ich frage jetzt mal bewusst ketzerisch: Wo ist eigentlich das Problem bei Computer-Animationsfilmen in 3D – die Modelle liegen doch ohnehin in drei Dimensionen vor. Wozu der ganze Rummel?

Katzenberg: Weil es da noch so eine kleine Sache gibt, die nennt sich Kunst. Jeder kann einen Pinsel und eine Leinwand kaufen. Aber es gibt eben auch Leute wie Monet und Picasso. Die Frage ist, ob wir dazugehören (lacht).

c't Das erklärt noch nicht, was am Umgang mit vorhandenen 3D-Modellen schwierig ist.

Katzenberg: Das ist, als würde man einen Schwarzweißfilm kolorieren. Das kann man machen, sieht aber aus wie Schrott.

c't: Sie sagen, dass Sie diese typischen 3D-Spielereien, also zum Beispiel Hände, die aus der Leinwand kommen und nach dem Publikum greifen, nicht einsetzen. Sie wollen die dritte Dimension also nicht als unübersehbares Stilmittel nutzen – aber für was denn eigentlich?

Katzenberg: Der Unterschied liegt darin, dass 3D immer nur als Gimmick eingesetzt wurde. Dadurch durchbrach man das Proszenium [Anm. d. Red: Im modernen Theater der vordere Teil der Bühne], man kam dem Publikum zu nahe, die Erzählung wurde zerstört. Jedes Mal, wenn man so etwas macht, wird dem Zuschauer der Filmemacher bewusst, der Zuschauer fällt sozusagen aus dem Film. Die erste Regel des Filmemachens lautet, dass die Hand des Filmemachers unsichtbar bleiben soll. Tja, und bei den alten 3D-Sachen stand der Filmemacher immer vollkommen im Mittelpunkt. Das, was wir heute mit 3D machen, mit unseren neuen Werkzeugen, bringt den Zuschauer mitten ins Proszenium, es holt ihn mitten ins Geschehen. Das führt dazu, dass alles, was man sieht, verstärkt wird. Die Gefühle werden verstärkt. Ob es nun also gruselig oder lustig ist – alles wird verstärkt. Alles wird größer. Genau darin liegt die Schönheit von 3D.

c't: Und wie viel Zeit brauchen Sie dafür, um alles größer zu machen? Im Vergleich zum konventionellen (2D-)Film?

Katzenberg: Mehr Zeit brauchen wir nicht, weil wir mehr Leute eingestellt haben. Man kann sagen, dass 3D „Monsters vs. Aliens“ 15 Millionen Dollar teurer gemacht hat. In 2D hätte er 150 Millionen Dollar gekostet, so waren es 165 Millionen Dollar.

c't: Sind es bei Realfilmen in 3D ähnliche Größenordnungen?

Katzenberg: Die kosten wesentlich weniger. Man muss ja nicht rendern. Das Teuerste bei unseren Filmen ist das Rendering, das die Hälfte der Produktionsdauer ausmacht. Wenn wir einen 3D-Film machen, müssen wir den Film dreimal berechnen: Einmal fürs rechte Auge, einmal fürs linke und dann müssen wir noch eine kombinierte 2D-Version rendern. Beim Realfilm dreht man einfach mit zwei verbundenen Kameras, das ist wesentlich einfacher.

c't: Aber ist bei Realfilmen nicht die ganze Postproduktion sehr aufwendig?

Katzenberg: Schon, aber nicht annähernd so teuer wie das, was wir machen.

c't: Wenn das alles so teuer ist: Warum sind dann mehr als die Hälfte aller angekündigten 3D-Produktionen Animationsfilme?

Katzenberg: Bei Animationsfilmen stand schon immer die Technik mit im Mittelpunkt. Der Einsatz modernster Technik gehört sozusagen zur DNA des Animationsfilms. Viele der großartigen Werkzeuge, die man heute im Realfilm verwendet, wurden von Animationsfilmern hoffähig gemacht. Walt Disney hat als erster Stereoton eingesetzt, er hat die Mehrfachebenen-Kamera verwendet, bevor es irgendjemand anders tat.

c't: Wenn ich jetzt eine Zeitmaschine aus der Tasche holen würde, wir zusammen ins Jahr 2012 reisen und dann in ein ganz normales Kino gehen: Wie viele Filme wären in 3D?

Katzenberg: Die meisten.

c't: Schon 2012?

Katzenberg: Ja, irgendwo in diesem Zeitraum. 2012, 2014, 2015, so was. Ich weiß natürlich auch nicht, ob es in drei, fünf oder sieben Jahren soweit ist – aber in diesem Bereich. Wenn unser Film erfolgreich wird, wenn „Up“ von Disney erfolgreich wird, wenn James Camerons Film erfolgreich wird [Anm. d. Red.: Gemeint ist „Avatar“, der im Dezember 2009 in Deutschland startet] – wenn diese drei Produktionen funktionieren, dann ist die Sache gelaufen. Dann wird es überall ein Rennen um 3D-Installationen geben. Und die Filmemacher und die Studios werden sich darauf stürzen.

c't: Und wann ist es im Wohnzimmer soweit?

Katzenberg: Vielleicht zehn Jahre später. Die Kinobesitzer haben also noch zehn Jahre Gnadenfrist. (jkj)


*Anm. d. Red.: Bei der Filmvorführung in Berlin wurden RealD-Brillen verwendet, s. „3D 2.0“ in c't 16/08 (jkj)