Glaube versetzt Berge
Computerfreaks, so würde man meinen, gehören eigentlich eher zum nüchtern-pragmatischen Menschenschlag. Irrationale Bauchgefühle oder religiöse Anwandlungen sind ihnen fremd, für sie zählen Gigahertz, Gigabyte, Gigaflops. Für viele typisch ist auch ihre Ungeduld. Die Hotline hebt erst nach drei Minuten Warteschleife ab, der Händler reagiert nicht augenblicklich auf den Kundenwunsch und die Gattin klickt zu lahm. Und wirklich Ahnung von der Technik hat sowieso kaum jemand (außer ihnen).
Völlig irrational und mit schier endloser Geduld behandeln viele PC-Besitzer jedoch ihren eigenen Rechner. Noch das letzte Quäntchen Performance muss ausgereizt werden, noch das kleinste Fehlerchen wird penibelst untersucht, analysiert und diskutiert - notfalls nächtelang. Dabei ist doch eigentlich klar, dass es die perfekt geölte Maschinerie niemals geben kann; und auch der bis aufs winzigste Schräubchen handgestreichelte PC veraltet genau wie jeder andere innerhalb von sechs Wochen. Offenbar halten es aber viele PC-Nerds mental nicht aus, ihren Rechner einfach so laufen zu lassen, wie er es nun einmal tut.
Findige Geschäftemacher nutzen diese Schwäche aus. So wie dereinst Quacksalber ihre Wunderpülverchen verkauften, preisen sie mit allerlei Brimborium ihre Registry- und RAM-Defragmentierer, Multi-Core-Optimierer und 1-Klick-PC-Frisierer an. Für dergleichen Mumpitz legen dieselben Leute, die ihren Rechner wegen 20 Euro Preisdifferenz beim dubiosen Online-Billigheimer statt im Fachgeschäft kaufen, locker 40 Euro auf den Tisch.
Echte Cracks kennen jeden Registry-Schlüssel persönlich. Das hindert sie indes nicht daran, selbst unter Vista noch vermeintliche Registry-Geheimtipps einzutragen, die schon Windows 2000 nicht mehr ausgewertet hat. Auch Linuxer sind vor PC-Placebos nicht gefeit. Sie fummeln etwa stundenlang an den Parametern selbst kompilierter Kernel herum, die auf aktuellen Rechnern letztlich nicht schneller laufen als die Fertigware der großen Distributionen.
Klar: In manchem Tuning-Tipp steckt ein wahrer Kern. Doch vielen wurde chronische Wirkungslosigkeit nachgewiesen. Das ficht echte Systemtüftler jedoch nicht an. Man erkennt sie geradezu an der felsenfesten Überzeugung, ihre Kiste laufe nach dem Präzisionseingriff flotter - irgendwie jedenfalls. Unverbrüchlich ist auch der Glaube, dass man es sowieso besser weiß als die Deppen aus Redmond.
Eigentlich macht ihr Basteltrieb solche Jungs doch sympathisch. Schön wär’s nun noch, wenn sie auch ihren Mitmenschen mehr Geduld und Aufmerksamkeit widmen könnten - ganz im eigenen Interesse übrigens: Der Zeitaufwand für das mühevolle Optimieren übertrifft schließlich fast immer die potenzielle Zeitersparnis durch einen minimal schnelleren PC. Man könnte tausend nettere Dinge tun, als stundenlang herumzuklicken! Dazu braucht man allerdings die Gelassenheit, über kleinere Schwächen hinwegsehen zu können - auch die des eigenen PC. (ciw)