Vollends verkabelt
- Gerald Himmelein
Vollends verkabelt
In zwei Stunden startet das Flugzeug in die USA, gleich kommt die Taxe mich abholen. Meine Frau fragt mich ab: "Hast du alles dabei?"
"ZahnbĂĽrste?" Ja. "Rasierapparat?" Ja. "Handy?" Ja. "PDA?" Klar. "MP3-Player?" Sowieso. "Notebook?" Logo.
"Und die passenden Netzteile, Adapterstecker und Ladegeräte?"
WĂĽste FlĂĽche.
Zehn Minuten später habe ich die benötigte Kabelage gefunden und in den Koffer gestopft. Die wichtigsten Netzteile müssen ins Handgepäck. Das fürs Handy frisst mehr Platz als das Gerät selbst. Der MP3-Player hat zwar 2500 Stunden Musik drauf, läuft aber nur 4 Stunden und muss per USB aufgeladen werden. Das Laptop-Netzteil ist ein Multifunktionsgerät; es funktioniert auch als Fußwärmer.
Am Flughafen in den USA freue ich mich doppelt darüber, meinen Koffer wiederzusehen. Ich befürchte jedes Mal, von einem Angestellten der Fluglinie abgefangen zu werden: "Ihr Gepäck wurde aus Sicherheitsgründen in die Luft gesprengt. Sorry." Kann ja mal passieren. Im Röntgenbild ist mein Kabelchaos vermutlich schwer von einer sehr, sehr schlampig gebauten Bombe zu unterscheiden. Im Hotelzimmer zähle ich zuerst die freien Steckdosen und versuche dann, die Strippen wieder voneinander zu trennen.
Vor über einem Jahrzehnt schrieb Douglas Adams ein herzerwärmendes Traktat über Gleichstrom-Netzteile ("Little Dongly Things"). Darin appellierte der Schriftsteller an die Vernunft der Computerindustrie, doch seitdem ist alles nur noch schlimmer geworden. Daheim knallt mitunter die Sicherung raus, wenn ich die mit Netzteilen vollgehängte Achtfach-Steckerleiste mit dem PC anknipse.
Wieso können die nicht einem gemeinsamen Standard folgen oder, besser noch, ein Netzteil teilen? Die meisten sind doch recht genügsam: Maximal ein Dutzend Volt Gleichstrom, eine überschaubare mA-Belastung ... so schwer kann es nicht sein, die gemeinsam zu füttern. Die meisten handelsüblichen Universalnetzteile machen es genau falsch: Da liegt zwar ein Dutzend Adapterstecker bei, sie bedienen aber nur ein Gerät gleichzeitig.
Wenn ich mir abends im Bett am Laptop-Netzteil die Zehen wärme, fantasiere ich gern von einer verbindlichen EU-Norm für Gleichstromadapter. Die Handy-Hersteller wollen zwar von sich aus Vernunft zeigen (siehe S. 32), aber wer schleppt schon fünf Handys mit sich herum? Mein EU-Hirngespinst würde nur noch zwei Spannungsstufen zulassen, das Steckerformat fixieren und die Stromstärken normen. Zur Rechtfertigung nur ein Wort: Umweltschutz. Als Gütesiegel könnte man das Logo der Rockband AC/DC abwandeln.
Dass ich dann nicht mehr in fremdländischen Hotelzimmern gordische Kabelknoten lösen müsste, wäre nur ein netter Nebeneffekt.
(ghi)