Fluch der Tauschbörsen
Piraten genießen verblüffend viel Sympathie. Filmhelden wie Jack Sparrow, Verzeihung: Captain Jack Sparrow, kämpfen gegen mächtige Unterdrücker und Ausbeuter, die zwar das Recht auf ihrer Seite haben, nicht jedoch die Gunst der Zuschauer. Sparrow legt sich mit der British East India Company an, die vier Betreiber des schwedischen Torrent-Trackers "The Pirate Bay" mit der Film- und Musikindustrie. Und alle landen vor Gericht und werden verurteilt.
Die vier Schweden nehmen ihr Urteil ebenso gelassen auf wie der Filmheld. Als ob sie das Drehbuch schon kennen, scheinen sie sich des Happy Ends sicher. Dabei stehen sie zwar nicht unterm Galgen, aber ein Jahr Haft- und rund 2,7 Millionen Euro Geldstrafe sind ein hartes Urteil. Ein "bizarres", wie sie meinen, gegen das sie Berufung einlegen. Und sie rechnen mit einem Freispruch. So fest, dass sie sogar Spenden ablehnen: "Wir werden keine Geldstrafe bezahlen."
AuĂźerdem wollen sie den Dienst nicht schlieĂźen, sondern sind mehr denn je davon ĂĽberzeugt, das Richtige zu tun. Als Beweis dafĂĽr fĂĽhren sie ihre Millionen von Nutzern an. Immerhin: Knapp tausend Schweden gingen auf die StraĂźe und protestierten gegen das Urteil.
Nun, wenn Captain Jack Sparrow den Rum der East India Company ausschenkt, hat er auch viele Freunde. Doch der Schnaps ist gestohlen. Nicht anders sieht es zumeist mit Musik, Filmen und Software in P2P-Netzen aus. Dennoch finden deren Teilnehmer viele GrĂĽnde, warum das Tauschen legitim sein soll: Die KĂĽnstler werden ausgebeutet oder verdienen zu viel, die Studios und Labels verdienen zu viel oder bringen nur MĂĽll auf den Markt und auĂźerdem verdienen einige viel zu viel.
Die Motive der Piraten mögen einst edel gewesen sein, als Filme im Netz kaum legal zu bekommen und gekaufte Musikdateien durch Kopierschutz fast unbrauchbar waren. Doch heute geht es nur noch ums Geld. Die vier Schweden wurden nicht verurteilt, weil sie selbst Dateien getauscht haben. Aber mit ihrem Dienst begünstigen sie schwere Urheberrechtsverletzungen, so das Gericht. Und über die Werbung auf den Webseiten verdienen sie daran.
Dieses Urteil ist keineswegs bizarr. In Hinsicht auf eBay etwa hat der Bundesgerichtshof entschieden, dass auch jene, die nur die Plattform betreiben, nicht tatenlos zusehen dĂĽrfen, wenn ihre Nutzer Markenrechtsverletzungen begehen. Gegen dieses Urteil ging ĂĽbrigens niemand auf die StraĂźe.
Der Optimismus der schwedischen Piraten scheint somit übertrieben. Sicher, im Film entgeht Jack Sparrow stets seinem Schicksal, doch das richtige Leben neigt dazu, weniger Nachsicht zu zeigen. Die vier Schweden können vielleicht auf ein milderes Urteil hoffen, doch kaum auf einen Freispruch. Die Zeiten sind halt schlechter geworden für Piraten: Die USA wollen erstmals seit rund hundert Jahren wieder einen echten vor Gericht stellen; ihm droht lebenslange Haft. (ad)