Raumbildkonserven: Kleine Anaglyphen-Galerie
Ob analog oder digital: Wer einmal damit beginnt, 3D-Fotos zu schießen, den lässt das stereoskopische Vergnügen so schnell nicht mehr los. Bildbeispiele aus verschiedenen Themenbereichen zeigen, wie unterschiedliche Motive durch räumliche Tiefe mal Wirklichkeitsnähe, mal zusätzliche Aspekte und mal einen ironischen Reiz gewinnen.
Wer einmal mit der Stereofotografiererei anfängt, der kann damit so schnell nicht wieder aufhören. Verschiedene Arten von Motiven entpuppen sich als besonders lohnend. Mancher Blickwinkel, der bei gewöhnlichen monoskopischen Fotos ungeschickt oder unattraktiv wirken würde, gibt 3D-Aufnahmen etwas Aufregendes und Dynamisches. Kleine Dinge gewinnen plötzlich an optischem Gewicht, wenn sie räumlich wahrgenommen werden.
Bestimmte Objekte entpuppen sich als wie geschaffen für Stereo-Scans, während andere auch nach vielen Experimenten mit verschiedenen Scan-Abständen einfach nicht richtig wirken wollen. Bei Fotos mit der Stereokamera tun sich bestimmte geometrische Motivanordnungen als besonders überzeugend hervor, während andere geradezu den Augen wehzutun scheinen. Ein Zweig im allzu nahen Vordergrund, bei Personenaufnahmen im Freien klassischerweise eine reizvolle Zutat, kann manche Stereofotos schlichtweg zerstören.
Die in den kleinen Galerien auf dieser Seite präsentierten Stereobilder sind mit Hilfe des in der Praxis sehr hilfreichen Gespanns aus Bildbearbeitung und Stereo-Editor (in Gestalt des Paint Shop Pro XI und des kostenlosen Stereo Photo Maker) für die Anaglyphendarstellung aufbereitet worden. Man kann sie mit der Rot/Cyan-Brille betrachten, die der c't-Ausgabe 15/09 beiliegt, sowie mit sehr vielen gängigen Anaglyphenbrillen, die links einen Rot- und rechts einen Cyan-Filter aufweisen. Wenn eine solche Brille ein Pappgestell hat, kann man sie vorsichtig so biegen, dass man durch ein Eckchen des Rotfilters hindurch einen Blick auf den Cyan-Filter werfen kann. Wenn dieser schwarz erscheint und dahinter nichts mehr zu sehen ist, hat man eine Brille mit optimaler Abstimmung erwischt.
Ein bisschen Technik
Ukrainisches Zweiauge
Wer die Annehmlichkeiten digitaler Fotobearbeitung schätzen gelernt hat, vergisst leicht, dass es auch lange vor Megapixeln, Gesichtserkennern und Rauschkompensatoren schöne Bilder gab. Auch Stereo-Fotofreunde arbeiteten vor der "digitalen Wende" begeistert mit Negativ- oder Umkehrfilm, Diarahmen und Fotopapier. Die abgebildete legendäre FED-Stereokamera aus der Ukraine wurde mit leichten Abwandlungen bis 1996 gebaut. Sie liefert auf Kleinbildfilm sehr schöne Stereo-Farbdias im Format 30×24 mm, die sich entweder mit einem Doppelokular-Gegenlichtbetrachter oder als Doppelprojektion mit Polarisations-Objektivfiltern und passender Polbrille anschauen lassen. Wer Negativfilm verwendet, erhält ausbelichtete Bildpaare für Draufsicht-Stereoskope. Die Objektive dieser Kamera zeichnen so scharf, dass sich selbst das Digitalisieren ihrer Aufnahmen vom Dia oder Negativstreifen noch lohnt.
Zweimal kurz gedreht
Stereo-Dias sind ein schönes Thema. Geübte brauchen die Einzelbilder für linkes und rechtes Auge nur gerade nebeneinander gegen das Licht zu halten und einen entspannten Parallelblick aufzusetzen, schon sehen sie in der Mitte zwischen den beiden Dias das räumliche Bild. Manche Projektions- und Betrachtersysteme arbeiteten mit speziellen länglichen Stereorahmen, die je ein Bildpaar aufnahmen. Oft verwendete man aber auch die konventionellen Einzelrähmchen im Format 5 cm × 5 cm, und zwar für jedes Teilbild eines. Industriell hergestellte Stereobetrachter für einzeln gerahmte Teilbilder waren Mangelware. Was lag daher näher, als zwei Exemplare des ebenso preisgünstigen wie vorzüglichen Einzelbildbetrachters Cenei Scoper 120 zu koppeln? Eine Verbindung mittels Silikon, etwas zähem Schaumstoff und einer Ledermanschette ist so flexibel, dass man die beiden Okulare für verschiedene Augenabstände ein wenig gegeneinander oder voneinander weg drücken kann. Jedes der Okulare lässt sich individuell scharfstellen. Dieser Betrachter bietet, sofern man eine gleichmäßige Lichtquelle nutzt, noch heute mit weitem Abstand die Spitze des Stereofoto-Genusses: volle Farbe, volle Schärfe, Ausgleich des Augenabstands und – keinerlei Übersprechen ("Geisterbilder").
Geschient und markiert
Aluminiumschienen gehören zu den besten Freundinnen des Stereofotografen. Man nutzt sie, um eine Einzelkamera an verschiedenen Ausgangspunkten zu montieren, wenn man Stereopaare aus den nacheinander aufgenommenen Bildern gewinnen will. Ebenso hilfreich ist sie, wenn es um den Bau einer eigenen Stereo-Konstruktion aus zwei Kompaktkameras geht. Mit etwas Glück bekommt man Aluminiumschienen bereits mit vorgebohrten Löchern, durch die Standard-Stativschrauben passen. Filzringe leisten sowohl zur Markierung der Montagepositionen als auch zum Abpolstern der Schraubverbindungen gute Dienste. Die abgebildete Schiene eignet sich für schmale Kompaktkameras, deren Stativgewinde sich weit links an der Unterseite des Gehäuses befindet.
Bitte einen Aufgesetzten!
(Bild:Â 3d-foto-shop.de)
Der in Hongkong ansässige Hersteller Loreo baut bereits seit vielen Jahren Stereo-Equipment im Niedrigpreisbereich. Die Einfach-Stereokameras, die zusammen mit einem noch heute erhältlichen, wirklich guten Draufsichtstereoskop unter dem "Käpt'n Blaubär"-Etikett für Kinder geliefert wurden, kamen von Loreo. Mittlerweile hat man auch dort die Stereobegeisterten unter den Digitalfotografen als Kundengruppe ins Visier genommen. Herausgekommen sind dabei etwa spezielle Versionen von Spiegelreflex-Stereo-Objektiven ("3D Lens in a Cap") für digitale SLRs des Amateurbereichs, die durch ihren Sensor im APS-C-Format mit einem Crop-Faktor ("Brennweitenverlängerung") von 1,5 bis 1,6 arbeiten. Die abgebildete ursprüngliche "Digital"-Version dieses Loreo-Objektivs, die noch einen reichlich fragilen Eindruck machte, soll noch in diesem Sommer durch eine neugestaltete Bauform abgelöst werden.
Frisch gescannt ist halb gewonnen
Kleines ganz groĂź
In manchem Haushalt staubt ein verträumter Setzkasten mit vielerlei Miniatur-Krimskrams darin an der Wand von sich hin. Alles, was nicht tiefer als vielleicht zwei Zentimeter ist, eignet sich für den Versuch einer Stereo-Erfassung mit dem Flachbettscanner. Man platziert das Objekt irgendwo nahe der Mitte auf der Glasscheibe und scannt einmal. Dann verschiebt man es streng horizontal ohne Verkantung ein wenig: Bei winzigen Objekten wie dem abgebildeten Schlumpf genügt ein Abstand von 1,5 Zentimeter (als Scan-Auflösung kann man hierbei bis zu 600 dpi wählen). Größere Objekte wie die unten gezeigte Grafikkarte versetzt man um 2 bis 3 Zentimeter und beschränkt dann die Auflösung auf vielleicht 300 dpi. Auf den Millimeter kommt es dabei nicht an; vielmehr ist Ausprobieren angesagt. Nach dem Verschieben scannt man ein zweites Mal. Das so gewonnene Bildpaar wird mit Hilfe geeigneter Software optimiert, und fertig ist ein ungewöhnliches Stereobild. Der Überraschungsei-Schlumpf etwa bekommt gerade dadurch einen skurrilen Charme, dass er und sein Pokal schon etwas abgewetzt sind. Der Zustand lässt die mickrige Originalhöhe von rund zweieinhalb Zentimeter erahnen.
ZwergengeschĂĽtz
Ebenfalls in die Kategorie "Winzig, aber oho" gehört die kleine Bronzekanone. Ihre verchromten Räder verleihen dem Stereo-Scan einen schönen Leuchteffekt.
Robot-in-a-Box
Schon etwas höher als die kleine Kanone aus dem heimischen Setzkasten ist das hübsch schimmernde Fan-Figürchen, das frühen Tagen ungetrübter "Star Wars"-Begeisterung entstammt. Es passt genau in die zum Scannen verwendete Zigarillokiste. An ein fixiertes Lineal angelegt, erleichtert dieses Kistchen das verkantungsfreie Verschieben des Objekts für Stereo-Scans.
Geräuchertes Pferdeduett
Auch ehrwürdige Antiquitäten blieben bei den Arbeiten zum aktuellen c't-Heftschwerpunkt nicht vor dem Gescanntwerden verschont. Die Pfeife, deren Kopf einst aus Meerschaum und Wiener Bernstein gefertigt wurde, wirkt im gewöhnlichen monoskopischen Bild eher langweilig. Erst das 3D-Bild offenbart ihre filigrane Struktur.
Grafikkartendenkmal
Auch eine ausgediente Grafikkarte, verziert vom Staub der Jahre, kann immer noch als attraktives 3D-Fotomodell herhalten. Eine solche Platine ist von ihrer Breite her schon so ziemlich das Äußerste, was man noch sinnvoll räumlich mit einem A4-Flachbettscanner aufnehmen kann. Größere Motive rufen dann bereits laut und vernehmlich nach einem größeren Scanner – oder einem richtigen Kamera-Objektiv.
Rendezvous vor der Stereokamera
Mit der selbstgebauten Stereo-Digitalkamera auf dem Stativ über der Schulter durchstreift man Büros, Keller, Wohnzimmer, Straßen, Museen und Parks auf der Suche nach lohnenden Motiven. Vieles, was man dabei findet, ist lange vertraut – das geschulte Auge des 3D-Jägers sieht Menschen, Tiere und Gegenstände jedoch auf völlig neue Weise.
Blech, Stein, Holz und fröhliche Töne
Das 3D-Abbild einer Vinyl-Fantasy-Figur scheint fast lebensechter auszusehen als das tatsächliche Objekt, das den Redakteursschreibtisch schmückt. Polierte Fahrzeugveteranen scheinen den Betrachter mit ihren räumlich-glitzernden Scheinwerferaugen anzublinzeln. Oldtimerfreunden könnte es fast vorkommen, als wolle jemand sie ins 3D-Bild hinein auf die stilvollen Fahrerplätze ziehen. Und die Old-Time-Jazzkapelle "Old Rabbits" wirkt, als wolle sie vor dem ersten Ton noch mal Luft holen. Man hört noch nichts – aber gleich gehts los.
Ein Besuch in einem ungewöhnlichen kleinen Museum beschert einige besondere 3D-Eindrücke: Im Hinterhofhaus der Limmerstraße 43 in Hannover hat der "Freundeskreis Schwarze Kunst" mit seinem Buchdruckmuseum dem vielfach vergessenen Setzer- und Druckerhandwerk vergangener Tage ein Denkmal gesetzt. Ein Redakteur, der manches von der ausgestellten Technik noch aus seinen Kindertagen kennt, besichtigt die liebevoll restaurierten Maschinen und Einrichtungsdetails mit besonderem Respekt. Gott grüß die Kunst!
Räumliches Lächeln
Gelungene Personenbilder krönen die Bemühungen eines begeisterten Stereofoto-Liebhabers. Körperformen, Gesichter, Kleidungsstücke und Accessoires: Alles hat in der Realität räumliche Tiefe. Warum sollte man dann bei der Abbildung darauf verzichten?
Die Serien "Kristin" und "Jutta" zeigen, dass alte Dias von analogen Stereokameras es hin und wieder durchaus wert sind, digitalisiert und neu fĂĽr die Anaglyphen-Darstellung aufbereitet zu werden. (psz)