1&1 nimmt neues Rechenzentrum in Betrieb

Der Umzug der 1&1-Technik ins neue Rechenzentrum in Karlsruhe verlief offenbar reibungslos.

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Der Umzug der 1&1-Technik ins neue Rechenzentrum in Karlsruhe verlief offenbar reibungslos. Die meisten der Systeme arbeiten schon am neuen Ort. "Zwischen 3 und 4 Uhr morgens konnten die Inhalte der Webpräsenzen während 15 Minuten nicht verändert werden", beschreibt Technik-Vorstand Achim Weiss die Auswirkungen des Umzugs für die Kunden.

Auf 2000 Quadratmetern laufen rund 2000 Server für Webhosting und 10000 dedizierte Server. Rund 125 Terabyte Plattenplatz stehen fürs Hosting zur Verfügung. Das Übertragungsvolumen pro Monat beträgt 300 Terabyte, die maximal genutzte Bandbreite liegt bei 1,6 GBit/s, es stehen mit 6 GBit/s laut 1&1 noch reichlich Reserven zur Verfügung. Der Stromverbrauch des Rechenzentrums im Endausbau liegt bei 8 Megawatt, das entspricht rund 2 Prozent des Karlsruher Stromverbrauchs.

Bei der Planung legte 1&1 den Schwerpunkt auf die Betriebssicherheit: Alle Komponenten der Infrastruktur sind redundant ausgelegt, von der Klimaanlage über die Stromversorgung bis zur Netzanbindung stehen Ersatzkomponenten bereit, um im Notfall einzuspringen. Rund 8 Megawatt benötigt die Anlage im Regelbetrieb, wenn die Kapazitäten voll genutzt werden.

Auf dem Dach sind vier Notstrom-Diesel mit jeweils 2400 kVA untergebracht. Bei einem Ausfall des Stromnetzes können die vorgewärmten Aggregate binnen 15 Sekunden gestartet und auf Volllast gefahren werden.

In der Zwischenzeit übernimmt die Online-USV die Versorgung. Der Strom fürs Rechenzentrum wird in jedem USV-Block von einem Generator erzeugt, der seinerseits entweder von Strom aus dem öffentlichen Netz, aus den Notstromdieseln oder aus Akkus betrieben werden kann. Ganze Regalreihen mit Bleigel-Akkus können die Stromversorgung der USVs für 17 Minuten überbrücken. Der Dieselvorrat reicht für 12 Stunden Betrieb, im Ernstfall rückt ein örtlicher Heizöllieferant binnen einer Stunde an, um zusätzliche Vorräte bereitzustellen. Den entsprechenden Treibstoffnachschub vorausgesetzt kann das Rechenzentrum auch über längere Zeiträume autark arbeiten.

Die Stromversorgung ist durchgängig redundant aufgebaut. Von den vier USV-Blöcken und Notstromdieseln werden nur drei benötigt, die jeweils vierte Einheit dient nur als Reserve. Die Feuerprobe hat das System schon hinter sich: Durch einen defekten Spannungsregler fiel Ende Januar eine Online-USV aus. Die Spannung stieg unkontrolliert an und erreichte den Alarmwert. Das System reagierte automatisch und schaltete in Sekundenbruchteilen von der defekten USV auf die Reserve-USV um. "Die Schaltnetzteile der Rechner haben davon gar nichts mitbekommen", freut sich der Verantwortliche Jörg Hennig.

Auch die Klimaanlage ist für den Betrieb des Rechenzentrums entscheidend. Fiele sie aus, müssten die Rechner binnen Minuten abgeschaltet werden, um sie vor der Selbstzerstörung durch Überhitzung zu retten. Jeder Kühlwasserkreislauf ist im 1&1-Rechenzentrum mit zwei unabhängig voneinander arbeitenden Pumpen versehen. Jedes der fünf bis sechs Kühlgeräte pro Serverraum ist mit einem anderen Kühlwasserkreislauf verbunden. Fällt einer der Kreisläufe aus, ist die Kühlung aller Räume dennoch gewährleistet.

Zwei unabhängige Leitungswege führen ins Internet. Wird eine der Leitungen beschädigt, beispielsweise durch einen Bagger, so kann die andere Leitung den Datenverkehr komplett übernehmen. Während auf der einen Leitung Cisco-Router zum Einsatz kommen, übernehmen den selben Job auf der anderen Leitung Router des Herstellers Juniper. Das stellt sicher, dass ein eventueller Systemfehler der Router nicht zu einem Totalausfall führen kann. Allerdings sind beide Router und die ankommenden Kabelwege in einem Raum untergebracht -- das ist eigentlich ein Bruch der Sicherheitsphilosophie. In Anbetracht der umfangreichen Sicherheitsmaßnahmen im Umfeld liegt darin aber wohl nur ein theoretisches Risiko.

Auch jenseits des Grundstücks laufen die Daten getrennte Wege. "Wir haben von unseren Vertragspartnern detaillierte Informationen über die Trassenführung angefordert, um sicherzustellen, dass wir tatsächlich unterschiedliche Leitungswege nutzen", erklärt Jörg Hennig. "Selbst, wenn die Verbindung beispielsweise zum DeCIX in Frankfurt ausfiele, blieben die 1&1-Angebote erreichbar", versichert Hennig.

Auch für den Brandfall hat 1&1 vorgesorgt: Eine Brandfrühsterkennungsanlage schnüffelt nach verdächtigen Partikeln in der Luft und sorgt im Ernstfall für eine frühere Alarmierung. Die automatische Löschanlage verdrängt einen Teil der Luft und damit auch des Sauerstoffs mit dem Edelgas Argon: Bei rund 13 Prozent Sauerstoffgehalt verlischt Feuer, für Menschen reicht der verringerte Sauerstoffgehalt zum Atmen aber aus. Die Argon-Vorräte sind für drei "Schüsse" bemessen. Edelgas ist vollkommen ungiftig und bildet auch im Brandfall keinerlei chemische Verbindungen. Die Kabel sind halogenfrei, damit bei einem eventuellen Feuer keine Säuren entstehen, die zu umfangreichen Schäden an den elektronischen Komponenten führen würden.

Damit jederzeit bekannt ist, wo sich im Gebäude Menschen aufhalten, erfasst eine Sicherheitsschleuse im Eingangsbereich jeden Zutritt. Beim Betreten oder Verlassen einzelner Bereiche müssen sich die Mitarbeiter per Chipkarte an- und abmelden.

Das neue Rechenzentrum wird aber auch bald wieder an die Kapazitätsgrenzen stoßen. "Voraussichtlich bereits 2004 müssen wir an anderer Stelle Kapazitäten aufbauen", so Achim Weiss. Die Planungen für das nächste Rechenzentrum sind auf dem Reißbrett schon fertig. Mit rund 10000 Quadratmetern soll es fünf Mal so groß werden wie das gerade in Betrieb gegangene. (uma)