Denkfabrik im GrĂĽnen
"In Deutschland reden alle über Forschung, aber nie über Entwicklung. Wir entwickeln in Böblingen Produkte für den Weltmarkt der IBM", meint der Chef des Böblinger IBM-Labors, das seinen 50. Geburtstag feiert.
- Alexander Missal
- dpa
Das Böblinger IBM-Labor, das größte des Computerkonzerns außerhalb der USA, liegt mitten in der Natur auf dem Schönaicher First. Dem Besucher drängt sich sofort die Vermutung auf, dass in den Gebäuden zerstreute Wissenschaftler ihren Träumen von einer vollautomatisierten Welt nachhängen. Dieses Klischee bringt Labor-Chef Herbert Kircher auf die Palme. "In Deutschland reden alle über Forschung, aber nie über Entwicklung. Wir entwickeln in Böblingen Produkte für den Weltmarkt der IBM." Grundlagenforschung bleibe anderen Einrichtungen des Konzerns überlassen -- zum Beispiel dem Labor im Schweizer Rüschlikon, das durch die Physik-Nobelpreise 1986 und 1987 bekannt geworden ist.
Begonnen hatte die Denkfabrik im Grünen 1953 mit acht Mitarbeitern. In Böblingen existierte nach dem Zweiten Weltkrieg ein IBM-Konstruktionsbetrieb für Lochkarten-Maschinen, der Basis für die Gründung des Labors war. Der amerikanische IBM-Gründer Thomas Watson zeigte sich bei einem Besuch begeistert von der Arbeit des ersten Labor-Leiters Karl Ganzhorn. "Geben Sie dem jungen Mann, was er wünscht", wies Watson sein deutsches Management an. Ende 1960 zog die auf 100 Köpfe angewachsene Mannschaft in einen Neubau auf dem heutigen Gelände.
In den 1960er Jahren entwickelte IBM in Böblingen Drucker, die immerhin bis zu 300 Zeilen in der Minute drucken konnten. Auch die maschinelle Erkennung von Handschriften stand schon auf dem Programm. Das Labor lag noch in der Nähe der IBM-Produktion in Sindelfingen. Heute stellt der Computerkonzern in Deutschland praktisch keine Hardware mehr her, die letzte Produktionsstätte in Mainz wird Ende 2003 geschlossen.
Zu den großen Erfolgen des Labors gehörte in den 1980er Jahren die Entwicklung neuartiger Chips, die stromsparender arbeiteten und damit immer preiswertere Rechner möglich machten. Vor wenigen Jahren waren die deutschen IBM-Tüftler maßgeblich daran beteiligt, dass das freie Betriebssystem Linux innerhalb des Konzerns und schließlich in der gesamten Branche hoffähig wurde.
Die Böblinger Entwickler beschäftigten sich mit neuer Hardware, Software und Dienstleistungen und blicken dabei immer zehn Jahre in die Zukunft. "Wir haben gemischte Teams aus erfahrenen Hasen und jungen Wilden", erklärt Kircher. Die Mixtur soll Experimentierfreude gewährleisten, ohne dass dabei Chaos ausbricht. Um sich den besten Nachwuchs zu sichern, hält IBM engen Kontakt zu den Universitäten. Pro Jahr stellen sich mehr als 1000 Bewerber vor, 100 bis 150 von ihnen bekommen einen Arbeitsvertrag. Selbst im vergangenen Jahr, als IBM insgesamt Personal abbaute, stellte das Labor neue Mitarbeiter ein.
Pinguin und Prozessor
Es ist eine eigenartige Sprache, die Boas Betzler und seine Kollegen im Böblinger IBM-Labor sprechen. "Wie nutzen wir die CPUs aus?" fragt Betzler und reißt seine Augen weit auf. Vier Entwickler des Computerkonzerns haben sich in dem kleinen Büro zum "Brainstorming" versammelt, um Ideen auszutauschen. Es geht um Software für neue Prozessoren, die in ein paar Jahren zum blitzschnellen Herunterladen von Videos oder Spielen aufs Handy eingesetzt werden könnte. Von "Cascading" und "Sprayen" ist die Rede. Einer hat seine Füße auf den Schreibtisch gelegt.
Die lockere Runde, streng genommen ein Geschäftstreffen, ist ein typischer Termin im Kalender von Boas Betzler. Der 30-Jährige mit den kurzen blonden Haaren zählt zu den gefragtesten Experten im Böblinger Entwicklungszentrum von "Big Blue". Ohne Hochschulstudium und Doktortitel ist er bereits zum offiziellen IBM-"Senioren" aufgestiegen. Betzler steht an der Tafel, schreibt ab und zu etwas auf, stellt Fragen. "Jetzt sind wir da, wo wir hinwollen", sagt er schließlich und schnippt mit dem Finger. Doch das ist erst der Anfang: Aus der Idee soll ein Projekt, ein Patent und schließlich ein Produkt entstehen.
Betzler kam nach dem Abitur als Berufsakademie-Student zu IBM. Die Bezeichnung "Computer-Freak" ist für ihn kein Schimpfwort, schon vor seinem Einstieg bei IBM schrieb der gebürtige Offenburger Straßenplanungs-Software für Ingenieursbüros. In Böblingen kam er nach der Ausbildung in ein Team, das mit dem klassischen Großrechner S/390 arbeitete. "Das galt damals als ein bisschen angestaubt", erinnert er sich. Bis Betzler und einige Kollegen im Sommer 1998 mittags in der Kantine den Einfall hatten, das freie Betriebssystem Linux auf der Maschine laufen zu lassen.
Linux war eine von Studenten und alternativen Programmierern ausgeheckte Software, die irgendwie die Welt verbessern sollte, aber nichts für seriöse und auf Profit ausgerichtete Computerkonzerne. Linux und IBM -- wie sollte das gut gehen? In langen Diskussionen versuchten Betzler und seine Mitstreiter, das Management von ihrem Plan zu überzeugen. Einen Fürsprecher fanden sie in dem IBM-Guru Karl Heinz Strassemeyer, ihrem "Weihnachtsmann, Märchenonkel und Albert Einstein", wie Betzler den älteren Kollegen tituliert. Und es gelang. Linux lief und leitete eine Renaissance des Großrechners bei den IBM- Kunden ein. Seither investierte das Unternehmen Millionensummen in das Geschäft mit Linux. Derzeit beschäftigt sich der junge Entwickler mit Themen, die in der Zukunftsstrategie von IBM eine große Rolle spielen. Dazu gehören Rechner, die sich selbst reparieren, und Systemen, die zu einem Grid zusammengeschlossen werden. (jk)