Das "Internet für alle" bleibt vorerst Utopie

Gemäß dem (N)onliner-Atlas 2005 wird der "digitale Graben" zwischen Usern und Losern zwar schmäler, aber gleichzeitig auch tiefer; 38,6 Prozent der Deutschen sind hartnäckige Netzverweigerer.

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Die Deutschlandkarte der Internetnutzer im Jahr 2005 sieht aus wie die Bundesrepublik um 1950, erklärte Frank Wagner, Leiter Business Development bei TNS Infratest, am heutigen Mittwoch in Berlin bei der Vorstellung des aktuellen (N)onliner-Atlas. Diese Unersuchung erstellt sein Institut gemeinsam mit der Initiative D21 seit fünf Jahren. "Der Osten und das Saarland sind nicht mit dabei", erläuterte Wagner den historischen Vergleich. Tatsächlich bilden auch in diesem Jahr Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen-Anhalt und das Saarland mit Nutzungsquoten von 48 Prozent die Schlusslichter auf der Landkarte der vernetzten Bundesländer. Am eifrigsten dabei sind die Berliner mit 63,5 Prozent, knapp gefolgt von Hamburg, Baden-Württemberg und Hessen. In jedem Bundesland sind aber mehr als die Hälfte der Einwohner online oder wollen demnächst ins Netz gehen. "Die Onliner haben eine stabile absolute Mehrheit", fasst Wagner zusammen. Ihre Zahl wachse kontinuierlich.

55,1 Prozent oder 35,2 Millionen Menschen sind hierzulande inzwischen "drin", das sind aber nur noch 2,4 Prozent mehr als im vergangenen Jahr. 38,1 Prozent der Onliner gehen zu Hause über DSL ins Netz. Die Wachstumsrate bei der Internetnutzung schwächt sich weiter ab. Es schält sich ein harter Kern der Abstinenzler heraus: 38,6 Prozent der Deutschen meiden das Internet. Planten 2004 noch 6,6 Prozent von ihnen, in Bälde mit dem Surfen zu beginnen, sind es dieses Jahr noch 6,3 Prozent. Das Ziel der Bundesregierung aus dem Aktionsprogramm für die Informationsgesellschaft, bis Ende des Jahres eine 75-prozentige Durchdringung des Internet in der deutschen Bevölkerung zu erreichen, kann damit als verfehlt gelten. "Wir wollen mehr erreichen", betonte Bernd Pfaffenbach, Staatssekretär im Bundeswirtschaftsministerium, pauschal. Das "Internet für alle bleibt für uns weiter eine Herausforderung" -- zumal sich laut der Studie 93,3 Prozent einen kostenlosen Internetzugang bis 2010 wünschen.

Thomas Ganswindt, Vorsitzender der Initiative D21 und Siemens-Vorstandsmitglied, sieht die verbleibende digitale Spaltung mit Sorge. Beunruhigend ist für ihn ein Teufelskreis: Gerade jene gehören zu den Technikverweigerern, "denen es schwer fällt, einen Job zu finden". Je weniger die Bürger die Chancen des Internet nutzen, meint der Chef des wirtschaftspolitischen Netzwerks, desto "schlechter ist es für sie selbst, für ihre Arbeit- und Auftraggeber und für die gesamte Volkswirtschaft". Die Studie, für die über 50.000 Leute interviewt wurden, weise insofern auf "gravierende gesellschaftliche und ökonomische Defizite hin". Die Schere gehe anhand einer Vielzahl demografischer Faktoren weiter auseinander: "Der Anteil der Offliner unter Volksschülern ohne Abschluss ist vier Mal so hoch wie bei Abiturienten. Frauen sind seltener Internetnutzer als Männer, Ostdeutsche seltener als Westdeutsche, Landbewohner weniger im Web als Großstädter, Einkommensschwache eher offline als Besserverdienende."

"Der digitale Graben ist geschrumpft, aber auch tiefer geworden", ergänzt Wagner. Ihm ist aber auch klar, dass die Internet-Kluft letztlich die Spaltung der realen Gesellschaft widerspiegelt. Wirklich schlecht stehe Deutschland nicht da. "Wir bewegen uns im Mittelfeld der Industrieländer" und damit "im Hoffnungslauf", sieht der Marktforscher die Lage positiv. Konkret verweist er darauf, dass die Altersgruppen über 50 mit die höchsten Zuwächse zu verzeichnen haben: "Die Best-Ager haben das Internet massiv für sich entdeckt." Gleichzeitig befinde sich das Netz auf dem Weg zu einer zweiten jugendlichen Blüte. Wagner meint damit weniger, dass die 14- bis 29-Jährigen bereits zu weit über 80 Prozent vernetzt sind, sondern vielmehr, dass "heute in diesem Land so viel online geshoppt, gespielt, gerockt und gefeiert wird, dass dies selbst die aberwitzigsten Ideen der New Economy bescheiden aussehen lässt".

Siemens-Kommunikationschef Gerald Odoj, Betreuer des Sonderthemas "Internet 2010: Visionen online leben", ist erfreut, dass 44 Prozent der Befragten schon heute eine Internet-Videothek sowie 64 Prozent "TV-Programme auf Knopfdruck" begrüßen. Online-Voting und die Regulierung von Heizungsanlagen per Handy sind laut Odoj "nur noch eine Frage der Zeit". Um das Netz weiter "sexy" zu machen, müssten aber die größten Vorbehalte noch ausgeräumt werden. Dies sind zum einen die Kosten, die 53 Prozent aller Befragten als zu hoch angeben, zum anderen sind es Sicherheitsbedenken. 50 Prozent bemängeln einen nicht ausreichenden Schutz vor Viren. Vor unbefugtem Zugriff auf ihre Daten sorgen sich 47,6 Prozent.

Wenig Mitleid zeigt Odoj mit Wirtschaftszweigen wie der Musikindustrie, deren Umsätze durch die Online-Revolution 2004 noch einmal um 3,6 Prozent gesunken sind. Denn wenn gleichzeitig der Absatz etwa von tragbaren MP3-Playern um mehr als 260 Prozent gestiegen sei, könne man "die Chancen des technologischen Wandels ahnen". Der Fujitsu-Siemens-Manager Hans-Dieter Wysuwa darf als Mitsponsor ferner in der Studie offen für das "attraktive Produktangebot" werben, das private Online-Konsumenten sowie der Mittelstand auf der Website seines Unternehmens finden.

Die Ausrüstung der deutschen Haushalte mit IT und Gadgets ist aber teilweise schon beachtlich. 82,5 Prozent verfügen über einen CD-Brenner, 72,9 Prozent über eine Digitalkamera und 42,8 Prozent über einen MP3-Player. Bei Heimkino-Systemen bestehen mit 20,7 und bei Festplattenrecordern mit 7,9 Prozent Abdeckung dagegen noch Absatzchancen. Video on Demand führt ein Schattendasein: Nur 1,1 Prozent der Befragten zählen den bezahlten Filmdownload zu ihren regelmäßigen Online-Tätigkeiten. Bei Musik sieht es mit 18,9 Prozent schon anders aus. Am liebsten kaufen die Deutschen aber online ein: 67 Prozent haben sich dies bereits zur Gewohnheit gemacht. (jk)