Gegen den harten Kern der "Software-Schnorrer"

Ein Interview mit Georg Hernnleben, Direktor Zentral- und Osteuropa der Business Software Alliance (BSA), ĂĽber die neue regionale Anti-Raubkopiererinitiative der Software-Branchenvereinigung.

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Von
  • JĂĽrgen Kuri

Die Business Software Alliance will auch in Deutschland härter gegen Urheberrechtsverletzungen vorgehen und hofft dabei auf Insider-Tipps. Unter dem Motto "Raubkopierer bereichern sich auf Ihre Kosten" startet der Software-Branchenverband, dem unter anderem Konzerne wie Adobe, Apple Microsoft oder SPA angehören, am heutigen Donnerstag eine Kampagne nach US-Muster – zunächst allerdings begrenzt auf den Berliner Raum. heise online sprach mit mit Georg Hernnleben, Direktor Zentral- und Osteuropa der Business Software Alliance (BSA), über die neue regionale Anti-Raubkopiererinitiative der Software-Branchenvereinigung.

heise online: Was sind die Ziele der "Berliner Kampagne" und wie erklärt sich der offiziell klingende Titel?

Georg Hernnleben von der Business Software Alliance: "Es stellt sich heraus, dass sich ein harter Kern von Unternehmern gebildet hat, der unlizenzierte Software wissentlich und mit vollem Bewusstsein des rechtlichen Risikos verwendet." [Bild: BSA]

Georg Herrnleben: Die Kampagne hat keinen offiziellen Titel. Es handelt sich um eine Kampagne in Berlin und Umland, deswegen die gewählte Bezeichnung. Ziel der Aktion ist es, die Zahl der Hinweise auf den Einsatz unlizenzierter Software in Unternehmen zu erhöhen.

heise online: In den USA gibt es eine solche Initiative schon seit 2005. Wieso zieht die BSA hierzulande erst zwei Jahre später nach? Gab es Bedenken, damit historische Erinnerungen an eine Blockwartmentalität zu wecken?

Herrnleben: Informationen über die Möglichkeit zu Hinweisen auf Softwarepiraterie waren Teil jeder Kampagne der BSA in den letzten Jahren. In Österreich wurde das Konzept einer dedizierten Kampagne unter dem Motto "Stoppt Schnorrer" im letzten Jahr mit gutem Ergebnis getestet, und es findet nun in Deutschland ebenfalls Anwendung. Sie ist der logische nächste Schritt nach der Aufklärungs- und Beratungsarbeit für Unternehmen in den letzten Jahren: Es stellt sich heraus, dass sich ein harter Kern von Unternehmern gebildet hat, der unlizenzierte Software wissentlich und mit vollem Bewusstsein des rechtlichen Risikos verwendet. Diesem kann man mit Informationsangeboten allein offenbar nicht mehr beikommen.

heise online: Warum ist die Kampagne auf Berlin begrenzt? Sitzen dort die meisten "Software-Schnorrer" und ist eine Ausweitung auf andere Regionen geplant?

Herrnleben: Die BSA hat gute Erfahrungen mit der regionalen Fokussierung von Kampagnen gemacht: Sie erlaubt es, Unternehmen und Endverbraucher direkter anzusprechen. Wir haben uns für Berlin entschieden, weil es als Hauptstadt eine besonders wichtige Rolle für die öffentliche Wahrnehmung spielt und einen der bedeutendsten Wirtschaftsräume in Deutschland darstellt.

heise online: Wie erklärt sich der Verzicht auf die Ausgabe von Kopfgeldern im Gegensatz zum vergleichbaren US-Programm?

Herrnleben: Es handelt sich schlicht um einen Mentalitätsunterschied zwischen den Ländern. Wir sind zum Schluss gekommen, dass Belohnungen für Hinweise in Deutschland nicht angenommen werden. Sie sind andererseits auch nicht nötig, da ein starkes Gefühl für korrekte Geschäftspraktiken besteht, dass sich mit dem Einsatz von unlizenzierter Software nicht vereinbaren lässt.

heise online: Ist die Kampagne nicht die beste Werbung für Open Source und Linux beziehungsweise fürchten Sie nicht, dass sie nach hinten los gehen könnte?

Herrnleben: Die BSA ist in Bezug auf Lizenzmodelle neutral. In der Tat sind viele der BSA-Mitglieder im Bereich Open Source stark engagiert. Es ist unser Anliegen, die Verletzung von Lizenzbestimmungen einzuschränken und ein legales und sicheres Umfeld für den Einsatz von Software zu schaffen.

heise online: Kann der Vorstoß dabei helfen, das Bewusstsein für Immaterialgüterrechte im digitalen Zeitalter zu schärfen?

Herrnleben: Nur insofern die Illegalität von Lizenzverletzungen thematisiert wird. Die BSA arbeitet sehr aktiv im Bereich Aufklärung und Bewusstseinsbildung und thematisiert den Schutz des geistigen Eigentums generell. Diese Kampagne hat aber bewusst eine andere Stoßrichtung.

heise online: Welche Probleme stellen Urheberrechtsverletzungen im Softwarebereich fĂĽr die von der BSA vertretene Branche dar?

Herrnleben: Softwarepiraterie ist eines der gravierendsten Probleme für die Softwarebranche und ein Hemmschuh für die technische Weiterentwicklung. Dies betrifft große Unternehmen ebenso wie kleine. Ein Shareware-Anbieter, der für seine Produkte kein Geld erhält, wird sich gut überlegen, ob er Zeit und Arbeitskraft in die Weiterentwicklung investieren kann. Ähnlich verhält es sich auch mit den großen Herstellerfirmen. Entgangene Einnahmen machen sich auch in einem Schrumpfen der Entwicklungsetats bemerkbar.

heise online: Wie wird der Schaden berechnet?

Herrnleben: Die BSA stützt sich bei der Beurteilung des Problems auf eine Studienserie des unabhängigen Analysten IDC. Diese analysiert den Anteil und den Wert unlizenziert eingesetzter Software in 102 Ländern weltweit. Dabei geht sie von der Zahl der verkauften Computer in einem Land aus, für die in jedem Markt ein durchschnittlicher Softwarebedarf ermittelt wird. Dazu greift die IDC auf ihre Spezialisten vor Ort zurück. Der Vergleich mit der in diesem Land legal erworbenen Software ergibt somit den Anteil von Raubkopien, die zum Einsatz kommen. Open-Source-Produkte und Freeware werden dabei als legal eingesetzte Software berücksichtigt.

heise online: Beziehen sich die Rechtsverletzungen stärker auf Betriebssysteme oder Anwendungsprogramme?

Herrnleben: Das ist schwer zu sagen. Generell kann man davon ausgehen, dass die Top Ten der raubkopierten Programme identisch mit der fĂĽr legal erworbene Programme ist, denn es wird im wesentlichen das geklaut, was gebraucht wird. Leider ist die Pirateriestudie der IDC nicht darauf ausgelegt, einzelne Arten von Software zu unterscheiden.

heise online: Spielt bei mancher Software eine möglichst große Verbreitung eine wichtige Rolle oder kommt es auf die Vergütung möglichst jeder Kopie an?

Herrnleben: Eine Software ist dann erfolgreich, wenn sie ihren Anwendern ermöglicht, ihr Geschäft besser und effizienter zu betreiben. Die Frage der Verbreitung und Vergütung ist – wie gesagt – wichtig, wenn es um die technische Weiterentwicklung des Programms geht. Ganz abgesehen davon ist die Verbreitung von Raubkopien bei keinem Programm hilfreich oder wünschenswert.

heise online: Welche Rolle spielt der private Bereich bei Urheberrechtsverletzungen im Softwaresektor?

Herrnleben: Der private Softwaremarkt ist ein wesentliches Standbein der Softwarebranche, und Urheberrechtsverletzungen schaden genauso wie in Unternehmen auch. Die BSA geht jedem Hinweis auf den Einsatz von Raubkopien nach und unterstützt Polizei und Staatsanwaltschaft bei Verfahren gegen Privatpersonen. Der Fokus unserer Aktivitäten liegt aber ganz bewusst im Unternehmensbereich und bei gewerblicher Softwarepiraterie.

heise online: Hat die BSA Erkenntnisse über einen möglicherweise leichtfertigen Umgang mit Softwarelizenzen in öffentlichen Verwaltungen? In Berlin etwa existiert beim Senat keine Übersicht über die Laufzeiten existierender Lizenzen für die genutzten Computerprogramme.

Herrnleben: Die BSA hat in den vergangenen Jahren tatsächlich Fälle von Unterlizenzierung in öffentlichen Verwaltungen verfolgt. Über die von Ihnen angesprochene etwaige Situation beim Berliner Senat liegen der BSA jedoch keinerlei Informationen vor und sie kann daher von uns nicht kommentiert werden.

heise online: Haben Sie schon einmal ein geschĂĽtztes Programm oder Werk rechtswidrig kopiert?

Herrnleben: Nein.

(Das Interview fĂĽhrte Stefan Krempl) / (jk)