Wenn ein Energieversorger Pralinen schenkt
Die Gratifikation eines Energiekonzerns beschäftigt die sozialen Netzwerke. Gelegentlich bringt so eine Gabe den Beschenkten indes auf ganz andere Gedanken, als wohl beabsichtigt.
- Inge WĂĽnnenberg
Die Gratifikation eines Energiekonzerns beschäftigt die sozialen Netzwerke. Gelegentlich bringt so eine Gabe den Beschenkten indes auf ganz andere Gedanken, als wohl beabsichtigt.
Ein Päckchen vom Energieversorger: Was kann das sein? Es sind hochwertige Pralinen in einer schlicht designten Metallbox. Und dazu noch ein Kärtchen: "Wir sagen Danke". Weil ich nun also nach fast 15 Jahren offensichtlich schon als treue Kundin gelte, ist die Zeit wohl reif für eine Gratifikation. Immerhin nehme ich die Sendung mit den handgefertigten Pretiosen bewusst zur Kenntnis – dieses Ziel hat mein Energieversorger erreicht. Einen Brief hätte ich wohl – halb angelesen – gleich zu den Akten gelegt.
Aber diese Pralinen verblüffen mich. Da wird gleich mal gegoogelt. Natürlich gibt es noch andere Glückliche. Ich bin nicht allein. Aber es regt sich im öffentlichen Forum zugleich Unmut: Der Sohn oder die Schwester und sogar die Mutter haben Süßes bekommen, aber andere Familienmitglieder – nicht weniger treue Kunden – sind leer ausgegangen. Ich lerne aus den Einlassungen des Konzerns, dass also immer nur ein Teil der Kundschaft zu den Auserwählten gehört. Nun, das kommt gut rüber. Ich gehöre also in diesem Fall zu einer exklusiven Klientel?
Da stolpere ich im Internet über den Ärger eines anderen Kunden. Er hat zwar Pralinen bekommen, aber deren Haltbarkeitsdatum ist abgelaufen… Also gleich mal hinten auf der Schachtel kontrollieren! Und: nochmal Glück gehabt. Meine Charge kann noch bis März 2016 verzehrt werden. Ein Geschenk, das Zweifel über seine Genießbarkeit weckt, kann sich zu einem veritablen Ärgernis entwickeln. Da erreicht der beabsichtigte Zweck das genaue Gegenteil. Im Netz lerne ich, dass es noch schlimmer kommen kann: Einer der Beschenkten hatte in seiner Dose nur noch eine von zehn Schokobomben vorgefunden und fahndete nun nach dem verbliebenen Rest.
Meine Skepsis ist geweckt, auch wenn bei mir das süße Geschenk vollständig und noch haltbar ist. Wie lange liegt mir meine Schwester schon in den Ohren, dieser oder jener Stromanbieter wäre bestimmt deutlich günstiger – ich müsste mich nur einmal kümmern. Jetzt lese ich den lakonischen Hinweis eines Facebook-Users im Netzwerk, der Pralinenverschicker sei ja auch teurer als die meisten anderen. Eine andere Schreiberin spekuliert gar, der Anbieter wolle vielleicht davon ablenken, dass es billigere Konkurrenten gebe.
Und was antwortet der Beschuldigte? "Gern versichern wir Ihnen, dass der Versand der Prämien mit den Energiepreisen selbst nichts zu tun hat – sie sollen nur eine kleine Freude bereiten. In einem Punkt haben Sie Recht – wir sind nicht der billigste Energieversorger", schreibt Nina, die Dame vom Konzern. Aber sie empfiehlt auch, den eigenen Tarif zu überprüfen, denn offensichtlich bietet der Energieversorger verschiedene Tarife an – das scheint mir bisher entgangen zu sein.
Am Ende bringt der kleine Leckerbissen also doch noch Mehrwert mit: Nach dieser Anregung werde ich mich mal ein wenig umtun hinsichtlich der Tarife – und dabei en passant auch mal die Konkurrenz abchecken. Und klären, was bei denen für 15 Jahre treue Mitgliedschaft als Bonus gereicht wird. Beim nächsten Mal hätte ich dann gern einen Mars-Riegel. Denn der – so besagte ein Werbeslogan aus den Sechzigern, "bringt verbrauchte Energie sofort zurück". (inwu)