Radikale Ideen
Neue Technologien sorgen für Aufbruchstimmung in der Medizin. Forscher wagen sich an Experimente, die früher als undenkbar galten.
- Inge Wünnenberg
Neue Technologien sorgen für Aufbruchstimmung in der Medizin. Forscher wagen sich an Experimente, die früher als undenkbar galten.
Der medizinische Sektor erlebt derzeit eine Blüte. Allein 84 neue Medikamente hat die European Medicines Agency in den ersten elf Monaten des Jahres 2015 genehmigt. Die USA verzeichneten 2014 mit 41 Zulassungen die höchste Quote innerhalb von 18 Jahren. Noch ist es zu früh, von einer neuen Ära der Medizinforschung zu sprechen. Aber unbestreitbar haben technologische Sprünge der vergangenen Jahre eine neue Aufbruchstimmung erzeugt.
Die Forschung an Stammzellen etwa ist schon so weit, dass Forscher Organe in der Petrischale nachbauen und diese sogar zu einem rudimentären menschlichen Körper zusammenfügen können. Die Erforschung von Krankheiten wird besser, Wirkstofftests verlässlicher (siehe Seite 72). Die Entschlüsselung des Erbguts ist so günstig, eine Genveränderung so einfach geworden, dass Wissenschaftler daran forschen, derart manipulierte Bakterien als Medikament zu verabreichen. Sie sollen chronische Darmerkrankungen heilen oder gefährliche Infektionen bekämpfen (siehe Seite 76). Ähnlich überraschend ist der Ansatz der US-Firma RetroSense: Sie will die Erbkrankheit Retinitis pigmentosa, die zum Erblinden führt, per Gentherapie behandeln – mit dem Erbgutabschnitt einer Grünalge (siehe Seite 79).
Dringenden Bedarf an neuen Ansätzen hat auch die Alzheimerforschung. Bei der Suche nach der richtigen Therapie blieb der große Durchbruch bislang aus. Eine Studie eines Teams um Jeffrey Cummings, Direktor des „Cleveland Clinic Lou Ruvo Center for Brain Health“ in Las Vegas, konstatierte für die zwischen 2002 und 2012 erprobten Medikamente eine Misserfolgsquote von 99,6 Prozent.
Nun schlagen amerikanische Wissenschaftler einen Weg ein, der auf den ersten Blick aus der Welt des Aberglaubens zu stammen scheint: Sie wollen mit jungem Blut das Altern bremsen und damit den geistigen Verfall. In Experimenten hatten sie alten Mäusen das Blutplasma junger Artgenossen injiziert und festgestellt, dass sich die kognitiven Fähigkeiten der Tiere dadurch verbesserten. Eine Studie der Universität Stanford an Alzheimer-Patienten soll nun zeigen, inwieweit sich das auf Menschen übertragen lässt (siehe Seite 70).
Noch ist unsicher, welchen Erfolg diese Ansätze haben werden. Sicher aber dürfte sein: In den kommenden Jahren werden noch einige Experimente wie diese folgen.
Die Fokus-Artikel im Einzelnen:
Seite 70 - Demenz: Hilft junges Blut vergesslichen Gehirnen auf die Sprünge?
Seite 72 - Miniorgane: Organe auf Mikrochips verbessern Diagnose und Therapie
Seite 76 - Bakterien: Genetisch manipulierte Mikroben machen Jagd auf Schadkeime
Seite 79 - Optogenetik: Grünalgen-Gene wandeln Nervenzellen in Sehzellen um
Seite 80 - Bluttransfusion: Es geht auch ohne – und oftmals deutlich besser
(inwu)