„Stabile Häuser werden von den Menschen getragen“
Man hat ihm den Spitznamen „Papier- architekt“ gegeben, weil er Gebäude aus Pappröhren baut. 2014 bekam der japanische Architekt Shigeru Ban den Pritzker-Preis, der als Nobelpreis der Architektur gilt. Im Interview erklärt er, warum Papier ein Baumaterial ist und was ein Haus tatsächlich stabil macht.
- Wolfgang Richter
Man hat ihm den Spitznamen „Papierarchitekt“ gegeben, weil er Gebäude aus Pappröhren baut. 2014 bekam der japanische Architekt Shigeru Ban den Pritzker-Preis, der als Nobelpreis der Architektur gilt. Im Interview erklärt er, warum Papier ein Baumaterial ist und was ein Haus tatsächlich stabil macht.
TR: Herr Ban, was hat Pappe, was Stahl und Beton nicht haben?
BAN: Dass ich der Erste bin, der damit arbeitet. Und es ist einfach eine gute Geschichte. Das eigentlich schwächliche Baumaterial Papier kann massive und langlebige Gebäude hervorbringen. Pappröhren sind billig, leicht und überall auf der Welt zu bekommen. Als Industrieprodukt sind sie genormt, darum kann man einfach mit ihnen arbeiten. In diesem Punkt ist Holz komplizierter als Papier.
Wie kamen Sie denn auf die Idee mit den Pappröhren?
Als junger Architekt 1986 in Tokio war eines meiner ersten Projekte, eine Ausstellung mit Werken des finnischen Designers und Architekten Alvar Aalto zu planen. Um für seine Arbeiten die richtige Atmosphäre zu schaffen, wollte ich Holz verwenden. Aber das Budget war klein, und die Ausstellung sollte nur drei Wochen dauern. Irgendwie hatte ich keine Lust, für diese kurze Zeit Holz zu verschwenden. Nun standen bei uns im Büro gerade lauter Pappröhren mit Stoff herum, den ich für eine vergangene Ausstellung benutzt hatte. Dann erinnerte ich mich daran, wie stabil leere Faxpapier-Rollen sind. Am Ende nahm ich Pappröhren anstelle des Holzes für die Ausstellung. So fing ich an zu untersuchen, wie sich die Röhren in der Architektur verwenden lassen.
Mit denen haben Sie dann unter anderem Kirchen, Blockhütten, ein Sommerhaus, eine private Bibliothek und den japanischen Pavillon für die Expo 2000 in Hannover gebaut. Gibt es eine Papier-Ästhetik?
Die Wirkung dieser Gebäude hängt ja auch immer von ihrer Form und Größe ab. Und davon, ob neben dem Papier auch Glas und Beton vorkommen. Ich gehe jedenfalls beim Entwerfen nie von einem bestimmten Material aus oder von einer bestimmten Form. Ich versuche, die möglichen Probleme des Gebäudes vorherzusehen und sie zu lösen. Und manchmal sind dafür Pappröhren die beste Lösung, wenn man ihre Eigenheiten berücksichtigt.
Nämlich...?
Im Gegensatz zu Stahl kann man die Pappröhren nicht formen. Man kann also nur Dinge kreieren, die sich auf die festgelegte Gestalt der Röhren stützen. Weil Papier nicht so viel trägt, müssen sie zudem dick sein. Will man mehrere senkrechte Röhren hintereinander aufstellen, ist es meist schöner, dies nicht als gerade Reihe, sondern in Form einer leichten Kurve zu tun. Das ist dann auch stabiler. Der Gebrauch von Pappröhren führt also zwangsläufig zu bestimmten Formen. Und natürlich können Sie schlecht ein zehnstöckiges Gebäude aus Papier bauen.
Und was ist mit Regen und Feuer?
Man kann die Röhren entsprechend imprägnieren. Und oft gibt es ja auch noch ein Dach und eine Bodenplatte aus Beton, die die Pappe schützen.
(rot)