Verleger debattieren ĂĽber das Internet - und suchen die Jugend
Das ist die Horrorvorstellung jedes Verlegers: Das Internet ersetzt die Zeitung.
Das ist die Horrorvorstellung jedes Verlegers: Das Internet ersetzt die Zeitung. Eine Umfrage, die der Meinungsforscher Rüdiger Schulz am Dienstag beim Kongress des Bundesverbandes Deutscher Zeitungsverleger (BDZV) in Mainz vortrug, konnte die Verleger noch beruhigen. "Möchten Sie den Südkurier künftig nicht mehr auf Papier, sondern komplett im Internet?", fragten Meinungsforscher vom Allensbach-Institut Bürger in Konstanz. Nur zwei Prozent der Leser wollten den Umstieg, unter den jüngeren Internetnutzern allerdings schon elf Prozent. "Die psychologische Bindung an die Zeitung lässt nach", warnten die Meinungsforscher.
Das neue Medium Internet, das in Deutschland vor seiner Massenverbreitung steht und vor allem die lokale Kompetenz der Zeitungen bei Veranstaltungen und im Anzeigenmarkt angreifen könnte, stand in Mainz im Mittelpunkt der Gespräche – schließlich leben viele Zeitungsverlage zu zwei Dritteln von ihren Anzeigen. Unbestreitbar habe das Netz "Leistungspotenziale", die auch Verlagsfremde nutzen könnten, sagte BDZV-Präsident Helmut Heinen. Der Internet-Inserent erreiche eine größere Region und könne zur Immobilienanzeige den Grundriss hinzustellen. Gegen die neue Anzeigenkonkurrenz empfehle der Verband Anzeigenkooperation verschiedener Verlage, um auch über das eigene Verbreitungsgebiet hinweg präsent zu sein.
Doch vor allem die Jüngeren zwischen 14 und 29 schauen oft gar nicht mehr in die Zeitung und informieren sich gleich aus dem Internet, wie Meinungsforscher Schulz berichtete. Der Leserschwund betrage jährlich rund ein Prozent. Nur noch gut die Hälfte der Jungen (53 Prozent) seien Zeitungsleser. Die Politikberichterstattung und der Wirtschaftsteil interessiere die Zeitungsverweigerer kaum, obwohl viele von ihnen mit Aktien spekulierten. Selbst die kostenlosen Zeitungen bei Schulprojekten seien oft schwer an den Mann zu bringen.
Die Probleme vieler Zeitungen fallen zeitlich mit dem Aufkommen des Privatfernsehens zusammen. Vor allem die Boulevard-Blätter kämpfen seitdem mit Auflageverlusten. Doch es gibt auch andere Ursachen: Das Frühstück als zentraler Ort der Zeitungslektüre ist bei jungen Angestellten in Großstädten zunehmend aus Zeitdruck gestrichen worden, wie Jugendforscher Jens Lönneker berichtete. "Die Zeitung findet im Gewohnheitsrepertoire dieser Jüngeren nicht mehr statt." Mehr Mut beim Layout, mehr persönliche Betroffenheit in den Berichten bot er als Rezepte, um die Jugend zu gewinnen.
Vorerst zeigen sich die Verleger optimistisch. Auflagen und Anzeigenerlöse seien derzeit auf gutem Stand, viele überregionale Zeitungen hätten sogar zugelegt, sagte Heinen. Es gebe Grund für die Hypothese, dass das Internet sogar neuen Lesern Appetit auf die Zeitung machen könnte. Doch diesen Optimismus wollten in Mainz nicht alle Teilnehmer mittragen. "Da ist auch viel Pfeifen im Wald dabei", meinte einer.
Die Folgen des Netzes für das Medium Zeitung werden erst in den nächsten Jahren absehbar sein, darüber bestand Einigkeit. Derweil tröstete Bundesjustizministerin Herta Däubler-Gmelin mit einem vom Stuttgarter Ex-OB Manfred Rommel kolportierten Zitat, das für den Computer genauso wie für TV gilt: "Solange man mit dem Fernsehapparat keine Mücke totschlagen kann, wird er die Zeitung nicht ersetzen." (Rolf Schraa, dpa) (jk)