Das Unikat geht in Serie

Der 3D-Druck hat sich rasant entwickelt – von einer Nischenanwendung zu einem Milliardenmarkt, der einige Industriebranchen grundlegend umkrempeln könnte.

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Von
  • Niels Boeing

Erwartungsvoll schaut die junge Frau auf den Bildschirm, als die 3D-Modell-Datei im Programmfenster erscheint. Es ist eine Hülle für ihr neues Fairphone. Ein Stirnrunzeln folgt, als sie die Druckzeit sieht: über vier Stunden. Als sie die Materialkosten für die 21 Kubikzentimeter Plastik erfährt, die verarbeitet werden müssen, wird sie unschlüssig. "So teuer?" - "Ja, der Hersteller verlangt für eine Filamentspule eine Menge Geld."

Szenen wie diese im Hamburger Fab Lab haben sich in den letzten zwei, drei Jahren wohl in vielen Makerspaces abgespielt. Die Faszination des 3D-Drucks, medial befeuert als eine Art "Replikator-Technologie" à la "Star Trek", zieht immer mehr Menschen in ihren Bann. Das Erstaunen darüber, was die Technologie alles noch nicht so gut kann, ist umso größer. Sie ist langsam, sie ist teuer, sie kann unzuverlässig sein.

Und so klingt es ein wenig übertrieben, wenn Myron Graw von der Firma KEX Knowledge Exchange sagt: "In Zukunft könnte alles aus dem Drucker kommen. In 10 bis 15 Jahren ist es durchaus denkbar, dass Sie zu Hause einen Knopf drücken, um das iPhone 17 auszudrucken." Aber es klingt längst nicht mehr so übertrieben, wenn man weiß: Die Aussage stammt von einem, der eine Studie zum 3D-Druck für den Verband Deutscher Werkzeugmaschinenhersteller durchgeführt hat, einer Branche, die nicht gerade bekannt ist für abgehobene Visionen. Graw gesteht zwar zu, dass dieses Szenario einen optimalen Verlauf der Technologieentwicklung voraussetzt. Aber genau daran arbeitet die Industrie.

Abseits der Wahrnehmung der Öffentlichkeit hat sich das "Additive Manufacturing" (AM), wie der 3D-Druck in der Industrie genannt wird, zu einer Produktionsmethode entwickelt, an der nahezu jede Branche forscht. Mal fürchtet sie die Verwerfungen, die sich daraus ergeben können. Mal hofft sie auf völlig neue Märkte und Anwendungen. "Alle großen Unternehmen arbeiten an dem Thema und entwickeln Strategien", sagt auch Bernhard Müller, Sprecher der Fraunhofer-Allianz "Generative Fertigung", die die frühere Allianz "Rapid Prototyping" abgelöst hat. Denn um Prototypen geht es beim 3D-Druck längst nicht mehr. "Die Industrialisierung der Technologie findet bereits statt, das ist ein unumkehrbarer Trend", bekräftigt Müller. Die spannende Frage lautet indes: Wohin führt diese Entwicklung? Zu einer weiteren "industriellen Revolution", in der alles einfach ausgedruckt wird, wie immer wieder zu lesen ist? Oder ist der 3D-Druck eher ein wichtiges Element in der fortschreitenden Digitalisierung der Industrieproduktion?

Die Fokus-Artikel im Einzelnen

Seite 68 - Trend: Warum der 3D-Druck die Fabrikationsmethode der Zukunft ist

Seite 72 - Schwellenländer: Die neuen Drucktechniken könnten Afrikas Industrieproduktion Schub geben

Seite 76 - Selbstversuch: Die Qual mit dem 3D-Scan

Seite 78 - Porträt: Kai Parthy entwickelt spektakuläre Druckermaterialien

Seite 80 - Weltraum: Astronauten können bald selbst herstellen, was sie im All benötigen

(nbo)