Post aus Japan: Der Verlust der analogen Sicherheit

Die Entwicklung der Digitalkameras stößt in Bereiche vor, die sich vor wenigen Jahren noch niemand hat ausmalen können. Ein Beispiel: Selbst im Dunkeln wird's farbig.

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Von
  • Martin Kölling

Japan probiert mit Elektronik seit jeher alles Mögliche aus – und oft auch das Unmögliche. Jeden Donnerstag berichtet unser Autor Martin Kölling an dieser Stelle über die neuesten Trends.

Ich habe gerade einen Kameratest der Olympus Pen-F abgeschlossen. Ein Abschnitt widmet sich der Lichtempfindlichkeit. Die Kamera liefert für meinen Geschmack bei 3200 ISO noch brauchbare Bilder ab. Als einer, der sich 1981 von seinem Konfirmationsgeld seine erste Kameraausrüstung gekauft hat, fühlt sich dieser Wert schon unglaublich an. Ein Film dieser Lichtstärke war so teuer und körnig, dass kaum jemand damit fotografiert hat. Doch inzwischen gilt die einst unglaublich hohe Lichtempfindlichkeit schon fast als schlapp.

Immer höher werden die ISO-Zahlen, bei denen Kameras noch druckbare Bilder abliefern. Doch der neue König der Nacht ist die Nikon D5. Ihr Sensor hat eine Lichtstärke von 102400 ISO, die auf 3280000 ISO erhöht werden kann!

Die Kamera böte fast die Fähigkeiten eines Nachtsichtgeräts, deutlich mehr als das, was das menschliche Auge noch wahrnehmen könne, verspricht der Hersteller. Und das auch noch in Farbe! Außerdem soll die Kamera noch bei nahezu vollständiger Stockfinsternis fokussieren können.

Die Technik ist damit in einem weiteren Gebiet in Bereiche vorgestoßen, die weit über meine analogen Erfahrungen hinausreichen. Unwillkürlich drängt sich dabei die Frage auf, wozu all die Innovationen noch gut sind.

Gerade am Mittwoch sprach ich mit einem französischen Kollegen über ultrahochauflösende 4K-TVs. Er meinte, dass 4K eigentlich niemand brauche. Und die Japaner diskutieren bereits über 8K-Videos, die Sensoren mit mehr als 30 Megapixeln erfordern.

Mein erster Impuls ist ebenso, den Nutzen von Innovationen ab einem bestimmten Zeitpunkt für gering zu halten. Aber ich habe inzwischen gelernt, dass mit den neuen Möglichkeiten auch neue Anwendungen kommen werden, die nur die wenigsten vorhergesehen haben.

Nehmen wir 8K-Videos: Für das Web ist das völlig übertrieben, auch für normale TVs. Aber wenn die Fernseher nur hoch- oder ultrahoch auflösen, erlaubt die Megahochauflösung, dass man Kameraschwenks und -fahrten auch ohne Bewegung der Kamera ausführen kann.

Die Kamera wird lediglich auf ein Stativ gestellt. Und man kann dann ein "Filmkästchen" mit der Fingerspitze durch das Bild verschieben. Eine andere Anwendung ist die Verbesserung von Überwachungskameras, da sich durch 8K-Bilder Gesichter besser in großen Menschenmengen erkennen lassen.

Und damit kommen wir zum Nachtsichtgerät zurück. Die D5 eignet sich für Fotojournalisten sowie für Überwachungs- und Sicherheitskameras. Denn der Sensor macht noch Bilder, wo andere schon Blitze benötigen. Ich frage mich, was da als nächstes kommen kann. Die Technik scheint, meine analoge Vorstellungskraft zum Auslaufmodell zu machen. ()