Gehirnzerstörung in Echtzeit

Ärzte aus den USA und Finnland konnten einen verstörenden Fall der Folgen einer Infektion mit dem Zika-Virus beobachten: Quasi vor ihren Augen löste sich das Gehirn eines Kindes im Mutterleib auf.

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Von
  • Antonio Regalado
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Über Bilder eines Magnetresonanztomografen (MRT) und Bluttests haben Ärzte fast in Echtzeit beobachtet, wie das Zika-Virus das Gehirn eines Fötus zerstört, dessen Mutter sich bei einem Urlaub in Lateinamerika damit infiziert hatte. Die neun Wochen langen Qualen der Frau, die bei einer Reise nach Mexiko, Guatemala und Belize von einer Mücke gestochen worden war, wurden jetzt im New England Journal of Medicine beschrieben.

Die rasche Ausbreitung des Zika-Virus in Lateinamerika begann im vergangenen Jahr. Bis zum Herbst hatten Ärzte im Nordosten Brasiliens die Infektion in Verbindung mit Mikrozephalie gebracht, einem schweren Geburtsfehler, bei dem Babys mit verkleinertem Kopf und Gehirn zur Welt kommen.

Diese Verbindung ist jetzt bestätigt. "Inzwischen wissen wir mit Sicherheit: Wenn das Gehirn eines Embryos infiziert ist, dann ist das offenbar eine sehr schlimme Situation", sagt Adre du Plessis, Leiter des Fetal Medicine Institute am Children's National Health System in Washington.

Bei ihrer Infektion mit Zika war die Frau, die selbst aus Washington kommt, 33 Jahre alt und im dritten Monat schwanger. Sie bekam nur leichtes Fieber und Hautausschlag, machte sich dann aber Sorgen, als sie Berichte ĂĽber den Zusammenhang zwischen Zika und Mikrozephalie las. Ăśber Weihnachten lieĂź sie in Finnland ihr Blut ĂĽberprĂĽfen.

Der Test auf genetisches Material des Virus fiel positiv aus. Zunächst aber zeigten Ultraschalluntersuchungen keine Auffälligkeiten. Du Plessis weist deshalb darauf hin, dass sich Probleme mit solchen verbreiteten Tests nicht immer erkennen lassen.

Später ließ die Frau einer Reihe von MRT-Untersuchungen vornehmen, die detaillierte und verstörende Bilder lieferten, wie das Gehirn des Babys "zu Flüssigkeit wurde", sagt Olli Vapalahti, der ein Arbovirus-Forschungszentrum an der Universität Helsinki leitet und Hauptautor des Berichts über den Fall ist.

Mit Zika infizierte Menschen sind das Virus normalerweise nach sieben Tagen wieder los, manchmal auch etwas später. In diesem Fall wurde die Frau gut zwei Monate lang positiv darauf getestet. Vapalathi ist der Meinung, dass dies an der Replikation des Virus im Hirngewebe des Embryos gelegen hat.

"Auf gewisse Weise konnten wir es in Echtzeit beobachten", sagt er. "Unsere Studie bringt Hoffnung, dass wir schwangere Mütter vielleicht mit einem Virus-Test screenen und dann MRT-Untersuchungen vornehmen können." Weil klar war, dass ihr Kind mit schweren Behinderungen zur Welt kommen würde, entschied sich die Patientin in der 20. Woche für eine Abtreibung.

Zika-Virus (4 Bilder)

Die britische Firma Oxitec will die Verbreitung des Zika-Virus eindämmen, in dem sie genveränderte Mücken frei setzt.
(Bild: Victor Moriyama)

Das größere Problem ist, wie man Frauen in ärmeren Teilen Lateinamerikas helfen kann, die nicht mehrere MRT-Scans oder viele Tests vornehmen lassen können. Zudem sind Abtreibungen in vielen lateinamerikanischen Ländern nur begrenzt möglich. Eine Infektion während der Schwangerschaft führt nicht immer zu Geburtsfehlern – welche Faktoren die Mikrozephalie auslösen, ist noch nicht bekannt.

Die Bedrohung durch Zika scheint fast existenziell zu sein. Irgendwann dürfte die Gefährdung aber abnehmen, was an einem Phänomen namens Herdenimmunität liegt: Wenn Menschen einmal infiziert waren, geht man davon aus, dass sie hinterher immun sind; Mädchen und Frauen, die sich jetzt infizieren, haben also bei späteren Schwangerschaften kein Risiko. Wenn dann immer weniger Menschen anfällig für Zika sind und das Virus weitergeben können, könnte es sich wieder in die Wälder zurückziehen.

(sma)