Forscher: "Es gibt eine Konjunktur des Skandals"

Ein Skandal kann im Internet jeden treffen. Begriffen aber haben wir das noch nicht, sagt der Wissenschaftler Steffen Burkhard. Es zeige sich an Datenschutzskandalen auch, dass sich die Moral schleichend wandele.

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(Bild: dpa, Friso Gentsch)

Lesezeit: 3 Min.
Von
  • Sophie Rohrmeier
  • dpa

Missbrauch in der Kirche, Überwachung zwischen Staaten und Bespitzelung von Bürgern – darum drehen sich viele Skandale. Diese haben durchaus ihren Nutzen: Sie zeigen, wie sich die Moral verändert. Das macht den Skandal auch in der Forschung populär.

Zum ersten Mal treffen sich von Donnerstag an Wissenschaftler aus aller Welt zur Internationalen Skandalogie-Konferenz. Auch der Hamburger Forscher Steffen Burkhardt kommt dazu an die Universität Bamberg. Im Interview der Deutschen Presse-Agentur erklärt er, was wir aus Skandalen lernen können.

Frage: Was lässt sich über Deutschland sagen anhand seiner Skandale?

Steffen Burkhardt: Wir erleben in Deutschland schleichende Umbrüche, die zu einer Gefahr für die Demokratie werden könnten. Und an den Skandalen lassen sich die Veränderungen ablesen. Die neue Welle von Datenschutz-Skandalen beleuchtet, dass sich das Verhältnis zwischen Privatsphäre und Öffentlichkeit verschiebt – und auch der Zugriff von Staat und Wirtschaft auf das Private. Die öffentliche Aufregung um das Abhören von Merkels Handy durch US-Geheimdienste, das offiziell als Lappalie in den deutsch-amerikanischen Beziehungen behandelt wird, zeigt: Da zeichnet sich ein gesellschaftlicher Wandel ab.

Frage: Derzeit ist der Lügenpresse-Vorwurf im Internet sehr präsent. Welche Rolle spielt hier das Skandalisieren?

Burkhardt: Es gibt eine spannende Konjunktur des Skandals in der aktuellen Politik. Er ist das Prinzip, den Gegner zu diffamieren. Die Lügenpresse-Agitation bestimmter politischer Bewegungen ist geradezu ein Widerspruch zum Prinzip einer freien, transparenten Öffentlichkeit, die auf dem Austausch von Argumenten beruht. Häufig packen ausgerechnet die, die behaupten, für neutralere Berichte zu kämpfen, den Lügenpresse-Vorwurf aus – um ihren politischen Botschaften mehr Gehör zu verschaffen. Das ist eine besonders perfide Form von Skandalisierung. So funktioniert auch Trumps Wahlkampf in den USA.

Frage: Welche Folgen hat es, dass sich Skandale im Internet schneller und weiter verbreiten als frĂĽhere Skandale?

Antwort: Wenn sich eine Behauptung, die den Ruf eines Menschen schädigen kann, virusartig durchs Netz verbreitet, schnell und nach dem Schneeballprinzip, bedeutet das: Das Opfer kann nicht so gut reagieren wie früher. Früher hatte man kurz nach Veröffentlichung noch die Möglichkeit, eine Reaktion vorzubereiten. Diese Zeit fehlt heute. Heute muss man schon vorher vorbereitet sein auf den Skandal, um überhaupt eine Chance zu haben, den Vorwürfen angemessen zu begegnen.

Frage: Haben wir schon begriffen, dass Skandale jeden treffen können?

Antwort: Nein, wir haben nicht im Ansatz begriffen, dass heute durch die digitalen Möglichkeiten jeder skandalisiert werden kann – für alles und aus dem anonymen Hinterhalt. Wenn wir uns etwa ansehen, was Ausländern im Netz alles unterstellt wird, sehen wir dunkle Seiten der Gesellschaft, die man auch an Stammtischen erlebt. Daran ist nicht das Internet schuld. Das Problem ist, dass man sich im Netz anonym äußern kann. Es kann nicht sein, dass Menschen andere und die Demokratie massiv schädigen können, ohne dafür einzustehen.

(kbe)