Psst, jetzt redet der Mann
Eine neue Datenanalyse hat mehr als 2.000 Film-Dialoge ausgewertet: Der schweigsame Mann ist ein Klischee, genau wie die plappernde Frau.
Die Oscars sind zwar schon eine Weile her, aber es ist doch immer irgendwie Zeit, sich mit der Filmindustrie zu beschäftigen. Oder? Nachdem zwei US-Sprachwissenschaftlerinnen vorrangig in Disneys Zeichentrick-Filmen mit Prinzessinnen-Figuren die Textzeilen von männlichen und weiblichen Charakteren analysiert hatten, haben Hanah Anderson und Matt Daniels, die ihre Website lustigerweise Polygraph nennen, nachgelegt und ihre Analyse auf eine breitere Datenbasis gestellt. Wie die zwei Köpfe hinter den interaktiven Grafiken selbst sagen, sei es das "womöglich größte Vorhaben einer Drehbuch-Analyse, die jemals durchgeführt wurde".
Das Ziel der beiden ist es offenbar, wenn man der Anspielung des Website-Namens glauben darf, die Wahrheit herauszufinden. Für die Drehbuch-Analyse heißt das: Sie wollten den diffusen Eindruck, dass ein Großteil der Filme von männlichen Charakteren bestritten und vorangetrieben wird, einmal mit objektiven Zahlen untermauern. Das Ergebnis fällt dann doch "ungleicher" aus als man es erwartet hätte. Über 2000 Filme (nicht nur Disney-Filme) haben sich Anderson und Daniels vorgeknöpft. Sie zeigen: Männer haben das Sagen. Auch wenn es, wie etwa bei einigen Disney-Filmen wie Mulan, die Schöne und das Biest oder Arielle, die Meerjungfrau, um Heldinnen geht, heißt das nicht automatisch, dass ihr Dialoganteil überwiegt.
Anderson und Daniels haben für ihre Grafiken die Dialoge in Drehbüchern ausgewertet (Charaktere mit mindestens 100 Wörtern im Dialog wurden einbezogen) und die Charaktere mit den Schauspielern in der Datenbank IMDB verbunden. So konnten sie das Geschlecht der Figuren ermitteln und auch für eine weitere Grafik das Alter der Schauspieler in den Filmen einbeziehen.
Hervorstechend ist vor allem die Vielzahl an Filmen, die mit einem 100 prozentigem Anteil von Männern gesprochen werden, gegenüber den zwei Filmen, die einen 100 prozentigen Anteil an Dialogzeilen von Frauen vorweisen: "Now and then – Damals und heute", ein Film von 1995, der sich um vier Freundinnen dreht, die sich nach Jahren wieder treffen, und "The Descent – Abgrund des Grauens", einem Horrorfilm, in dem Freundinnen eine Höhlenexkursion in die Appalachen unternehmen. Aufgelistet sind außerdem die Top5-Figuren mit der Anzahl ihrer Dialogzeilen. Begeisterte Cineasten und Statistiker werden daran ihre Freude haben.
Doch die Auswertung hat so ihre Tücken, das wissen auch Anderson und Daniels – etwa, dass ein Drehbuch nicht immer dem resultierenden Film entsprechen muss. Doch welcher Polygraph funktioniert schon 100 prozentig? Und so liefern die beiden Datenanalysten einen interessanten, ersten (!) Einblick in die Verteilung von Dialogzeilen von Männern und Frauen und neben dem Bechdel-Test einen ergänzenden und quantitativen Faktor zur Analyse von Frauenrollen in Spielfilmen. (jle)