Abwässer lassen Wälder in der Wüste wachsen

Eine Plantage mit Zypressen mitten in einem Trockengebiet: Das ist in Ägypten keine Fantasie mehr.

vorlesen Druckansicht 3 Kommentare lesen
Lesezeit: 3 Min.
Von
  • Oliver Ristau

Blaues Wasser mitten im Wüstensand. Und an zwei Seiten wird das Reservoir idyllisch von Bäumen gesäumt. Das Wasser, das hier in Serapium in Unterägypten in einer unwirtlichen Wüstenlandschaft einen Wald sprießen lässt, stammt aus der wenige Kilometer entfernten Stadt Ismailia am Suezkanal, in der 500000 Menschen leben.

Es ist Abwasser aus den Haushalten, das weder nach Kloake stinkt noch von Dreck getrübt wird. Bevor man es in das große Becken gepumpt hat, wurde es von groben Verschmutzungen, allen organischen Verbindungen und Geruchsstoffen wie Schwefelwasserstoff gereinigt. Eine Prozedur, wie sie auch in Deutschland üblich ist. Doch während die Abwässer dort zusätzlich von Phosphaten und Nitraten befreit werden, bevor man sie in die Flüsse einleitet, ist das in Ägypten nicht erwünscht. Hier sollen die Nährstoffe vielmehr das Wachstum der Baum-plantagen befördern.

Mit Erfolg, wie der Ägypter Hany El Kateb sagt. Der 65-Jährige ist Forstwissenschaftler an der Technischen Universität München und begleitet seit zwanzig Jahren ein weltweit einzigartiges Projekt. Die ägyptische Regierung setzt seit Mitte der neunziger Jahre vorgereinigte Abwässer ein, um an mehr als 30 Standorten in der Wüste Wälder wachsen zu lassen. Während Trinkwasser in dem Land ein knappes Gut ist, gibt es Abwasser reichlich. Jährlich fallen bei den rund 90 Millionen Einwohnern laut El Kateb mit sieben Milliarden Kubikmetern 70 Prozent der Abwassermenge Deutschlands an.

In Serapium sorgen Wasser und Nährstoffe zusammen mit der intensiven Sonneneinstrahlung von mehr als 2000 Kilowattstunden pro Quadratmeter im Jahr (doppelt so viel wie in Deutschland) dafür, dass die Bäume mehr als viermal so schnell wachsen wie in Deutschland. Eukalyptusarten, die in diesen Wäldern neben Mahagonibäumen und Zypressen gedeihen, sind nach elf bis zwölf Jahren erntereif und liefern rund 350 Kubikmeter Holz pro Hektar. In Deutschland benötigen die gleichen Pflanzen für die gleiche Menge Holz etwa 60 Jahre.

Die hohe Produktivität lockt deutsche Firmen und Investoren wie den Forstentwickler ForestFinest und die auf Holzmaschinen spezialisierte Siempelkamp-Gruppe mit Sitz in Krefeld ins Land. Ihr Ziel: ein Investmentprodukt, das Anlegern Renditen bringt und den ägyptischen Markt mit Holz versorgt. Denn da die ägyptische Holz- und Möbelbranche normalerweise sämtliche Rohstoffe importieren muss, erwarten die deutschen Experten für heimisches Holz eine große Nachfrage. Außerdem seien die Kosten relativ niedrig.

Das Potenzial ist groß: Das arabische Land, das zu mehr als 95 Prozent aus Wüste besteht, könnte laut El Kateb mit dem Abwasser eine bisher unfruchtbare Fläche von 650.000 Hektar begrünen. Das entspräche quasi der doppelten Fläche des Saarlandes und würde viele Arbeitsplätze schaffen.

Was noch fehlt, damit das erste kommerzielle Wüstenwaldprojekt mit mehreren Tausend Hektar Fläche Wirklichkeit werden kann, ist die öffentliche Vergabe von Land und Abwasser an die Privatinvestoren für mindestens 25 Jahre. Kommt es dazu, hofft El Kateb auf eine Signalwirkung für andere Trockenregionen.

"Die Aufforstungen mithilfe von Abwässern sind eine Möglichkeit, die Wirtschaft zu entwickeln und zugleich die Ausbreitung der Wüsten zu stoppen", sagt der Forstwissenschaftler. Es ist eine Lösung für ein dringliches Problem: Nach Berichten der UN dehnen sich die Trockengebiete weltweit pro Minute um 23 Hektar aus. (bsc)