"Jetzt kann die Vermarktung beginnen"
Der Weg von der wissenschaftlichen Entdeckung bis zum kommerziellen Erfolg ist weit – oft weiter, als anfangs erhofft. Das musste auch die Berliner Epigenomics AG feststellen, doch sie hat durchgehalten.
- Sascha Mattke
Dass es die Epigenomics AG überhaupt noch gibt, kann man schon als kleines Wunder bezeichnen: Gegründet 1998, hat das Berliner Unternehmen bislang noch in jedem Jahr seines Bestehens viel Geld verbrannt. Mitte April aber, nach vielen Rückschlägen und Verzögerungen, konnte es einen durchschlagenden Erfolg vermelden: Die US-Gesundheitsbehörde FDA hat sein Produkt Epi proColon zugelassen, einen Bluttest auf Darmkrebs, von dem sich Epigenomics mittelfristig einen Jahresumsatz von 500 Millionen Dollar mit hoher Gewinnmarge erhofft.
Bluttest auf Darmkrebs in den USA zugelassen
"Die Entscheidung war absehbar, aber natĂĽrlich haben wir uns sehr darĂĽber gefreut. Wir haben lange darauf hingearbeitet und dieses Ziel endlich erreicht. Jetzt kann die Vermarktung beginnen", sagt Peter Vogt von der Epigenomics-Pressestelle. ProColon war zwar schon zuvor in der EU und in China zugelassen, aber der US-Markt sei der "lukrativste".
Weil die Vermarktung in den USA nur langsam anläuft und obendrein noch einmal zusätzliches Geld verschlingt, wird Epigenomics nach eigenen Prognosen auch dieses Jahr noch keinen Gewinn melden können. Auch Analysten rechnen damit erst für 2017, wobei sich das Unternehmen vorher möglicherweise sogar noch ein weiteres Mal neues Kapital beschaffen müsse. Es wäre die vierte Finanzierungsrunde seit dem Börsengang im Jahr 2004, der eigentlich ausreichen sollte, um 2006 die ersten Produkte auf den Markt zu bringen.
Anleger hielten Epigenomics die Treue
Dass große Anleger Epigenomics trotz hoher Ausgaben und kaum vorhandener Umsätze (2015: 2,08 Millionen Euro, immerhin eine Steigerung von 38 Prozent gegenüber dem Vorjahr) die Treue gehalten haben, hängt mit dem hohen Potenzial der verwendeten Technologie zusammen: Wie der Name nahelegt, setzt das Unternehmen voll auf Epigenetik. Bei dieser Forschungsrichtung geht es um genetische Unterschiede, die nicht auf anderen DNA-Abfolgen beruhen, sondern auf kleinen Veränderungen an den Basen, aus denen die DNA besteht. Sie sorgen unter anderem dafür, dass ein heranwachsender Embryo unterschiedliche Zelltypen (für Organe, Gewebe, Haut, Hirn etc.) ausbildet, obwohl die DNA selbst darin stets identisch ist.
Ebenso können epigenetische Effekte dafür sorgen, dass aus einer gesunden Zelle eine Krebszelle wird. Das wiederum lässt sich für die Früherkennung von Krebs nutzen – Epigenomics hat schon früh epigenetische Marker identifiziert, die verschiedene Krebsarten verraten sollten. Doch der Weg von der wissenschaftlichen Erkenntnis bis zum Produkt ist besonders in der Medizin lang und schwierig. Ende 2006 beendete der Pharmakonzern Roche eine umfangreiche Kooperation mit Epigenomics, und der Gründer Alexander Olek, ein umtriebiger Forscher und Unternehmer, verließ seinen Chefposten (heute betreibt er eine Management-Gesellschaft für bilinguale Privatschulen).
Fokus auf der Diagnose von Darmkrebs und Lungenkrebs
Unter dem neuen Management verschlankte sich Epigenomics und konzentrierte sich auf die Diagnose von Darmkrebs und Lungenkrebs. Insbesondere bei Darmkrebs kann eine rechtzeitige Erkennung viele Leben retten – neun von zehn Betroffenen, bei denen die Krankheit in den ersten beiden Stadien entdeckt wird, überleben laut Epigenomics mindestens fünf Jahre.
Anhand von Stuhlproben oder mit Darmspiegelungen lässt sich Darmkrebs nicht weniger früh erkennen, doch proColon hat gegenüber diesen Methoden einen anderen erheblichen Vorteil: Für den Test reicht eine einfache Blutprobe. Solche so genannten "Liquid Biopsy" werden derzeit auch für andere Krebsarten und auf der Grundlage anderer Testmethoden entwickelt. Krebsforscher erhoffen sich davon eine systematischere und genauere Früherkennung (s. dazu auch die Titelgeschichte von Technology Review 4/2016). Bei der Epigenomics-Studie zur US-Zulassung waren 99,5 Prozent der Teilnehmer bereit, eine Blutprobe von sich nehmen zu lassen, während nur 88,1 Prozent zum Abgeben von Stuhlproben zu bewegen waren.
Krankenkassen erstatten Epi proColon in Europa nicht
In China ist proColon schon seit Ende 2014 zugelassen, Mitte 2015 wurde die Diagnosemethode sogar in die offizielle Richtlinie für Darmkrebs-Screening und -Behandlung in dem Land aufgenommen. Laut Epigenomics-Sprecher Vogt war dadurch schon starkes Wachstum auf diesem insgesamt "gigantischen Markt" zu verzeichnen, der allerdings längst noch nicht so weit entwickelt ist wie der US-amerikanische. In Europa wiederum wird ähnlich viel Geld für Gesundheit ausgegeben, aber weil die Kassen proColon nicht erstatten, betreibt Epigenomics hier nicht einmal eine aktive Vermarktung.
Natürlich schläft auch die Konkurrenz nicht. Viel Aufmerksamkeit hat in letzter Zeit vor allem Grail auf sich gezogen, eine bestens finanzierte Ausgründung von Illumina, dem weltgrößten Hersteller von Maschinen zur Genanalyse. Mit Massen an Daten will Grail, neuerdings geleitet von einem früheren Google-Manager, sämtliche Krebsarten allein anhand von Tumor-DNA in Blutproben erkennen lernen. Doch damit steht das Unternehmen – so wie Epigenomics vor gut 15 Jahren – noch ganz am Anfang. "Wir denken, dass wir mehrere Jahre Vorsprung haben", sagt deshalb Vogt und hört sich recht entspannt an.
(sma)