Wenn Biologie auf Ideologie trifft

Der Biologe Trofim Lysenko hat zu Stalins Zeiten die Genforschung und die Landwirtschaft der Sowjetunion ruiniert. Trotzdem finden seine kruden Thesen wieder neue Anhänger. Der Historiker Loren Graham hat den Fall untersucht.

vorlesen Druckansicht 1 Kommentar lesen
Lesezeit: 5 Min.
Von
  • Maggie Koerth-Baker
Inhaltsverzeichnis

Maggie Koerth-Baker ist Journalistin und Autorin in Minneapolis. Sie schreibt unter anderem fĂĽr Nature, Popular Mechanics, Gizmodo und die New York Times.

2012 veröffentlichte der wichtigste Orden der russisch-orthodoxen Kirche ein Biologie-Lehrbuch für die 10. und 11. Klasse. Es enthält einen explizit kreationistischen Text über die Rolle von Gott in der Natur: Die Lehre Darwins sei verheerend für die ganze Welt und insbesondere für das russische Volk gewesen, habe zur Verbreitung des Materialismus geführt und widerspreche russischen Werten, weil sie untrennbar mit dem skrupellosen Lebensstil britischer Kapitalisten im 19. Jahrhundert verbunden sei.

Das Buch wischt die Idee der natürlichen Auslese beiseite. Aber gleichzeitig begeistert es sich für die Vorstellung, im Leben erworbene Eigenschaften könnten an künftige Generationen weitergegeben werden. Dabei bezieht es sich auf aktuelle Erkenntnisse der Epigenetik, die tatsächlich zeigen, dass die Umwelt das Erbgut beeinflusst und dadurch erworbene Eigenschaften teilweise vererbbar sind.

Für Loren Graham ist das Schulbuch ein Zeichen dafür, dass die längst überwunden geglaubten Vorstellungen des berüchtigten Sowjet-Biologen Trofim Lysenko langsam wieder salonfähig werden. Als Historiker am Massachusetts Institute of Technology beschäftigt sich Graham seit Jahrzehnten mit russischer Wissenschaft. In seinem neuen Buch "Lysenko’s Ghost" geht er der Frage nach, wie Politik, Religion, kulturelle Normen und Ideologie die Wissenschaft verzerren.

Loren Graham: "Lysenko's Ghost. Epigenetics and Russia", Harvard University Press, 200 Seiten, 22,50 Euro (E-Book: 18,23 Euro)

Trofim Lysenko war eine schillernde Persönlichkeit. 1898 in eine bäuerliche Familie geboren, stieg er in den 1940er Jahren unter Stalin zu enormer Macht auf. Er lehnte die konventionelle Genetik ab und wollte den Weizenertrag der hungernden Bauern stattdessen mit einer Reihe von kruden wissenschaftlichen Techniken steigern. So glaubte Lysenko unter anderem, Winterweizen könne schon im Frühjahr reif werden, wenn die Samen längere Zeit bei niedrigen Temperaturen gelagert werden.

Als andere Wissenschaftler widersprachen, griff er sie mit Methoden an, die Graham als "tödlich und passiv-aggressiv" bezeichnet: Er denunzierte sie bei der Geheimpolizei und überließ dem stalinistischen "Rechtssystem" den Rest. Damit hatte er Landwirtschaft und Genforschung in der Sowjetunion um Jahrzehnte zurückgeworfen. Erst in den 1960er Jahren, lange nach Stalins Tod, konnten ihn seine wissenschaftlichen Gegner als Betrüger entlarven, und er wurde zum Außenseiter.

Nun stellt sich mit den neuen Erkenntnissen der Epigenetik die irritierende Frage, ob Lysenko wirklich völlig falsch lag. Schließlich haben sie nachgewiesen, dass Umweltfaktoren wie eine Hungersnot die Genexpression und damit die Gesundheit späterer Generationen beeinflussen können. Graham zufolge fällt die Bemühung um Rehabilitierung auf fruchtbaren Boden: In Russland glaubten viele immer noch fest daran, dass Kollektivismus dem Individualismus überlegen sei. Für Graham bleibt Lysenko jedoch der Ideologie, als der er am Ende seiner Karriere dastand.

Er weist darauf hin, dass Epigenetik zwar unser Wissen über die genetische Vererbung erweitert, aber nicht deren Grundprinzipien widerspricht. Genau die aber hatte Lysenko immer in Frage gestellt. Trotzdem lässt sich die Frage, was man heute mit Lysenko anfangen soll, nicht leicht beantworten. Für eine bestimmte autoritäre Strömung im russischen Nationalismus ist er eine Identifikationsfigur; für russische Akademiker hingegen eine Peinlichkeit, die dazu führt, dass sie sich von ernsthafter Epigenetik-Forschung fernhalten.

Lysenko war mit seinen Ideen keineswegs alleine. Schon vor ihm setzte sich in den 1920er Jahren der deutsche Biologe Paul Kammerer und einige weniger bekannte russische Kollegen für die Idee von erworbenen Eigenschaften als eine Art marxistischer Eugenik ein. Im Westen bedeutete Eugenik zu dieser Zeit, dass die "richtigen" Menschen (wohlhabend und weiß) viele Kinder haben und die "falschen" (arm, behindert oder dunkelhäutig) wenige oder keine. Kammerer hingegen hoffte auf eine Eugenik auf Grundlage der Lebensverhältnisse: Wenn der Marxismus den Menschen ein besseres Leben verschafft, sollte das auch deren Nachkommen verändern. Mit der Zeit würde dadurch der „neue Sowjetmensch“ entstehen – aufgeweckter, klüger und gesünder als alles, was sich durch die Paarung von bourgeoiserer Kapitalisten produzieren ließ.

Das Problem dabei ist natürlich, dass die Biologie nicht mitspielt. Doch Grahams Darstellung, wie weit Lysenko diese Ideen trieb, ist verwirrend. Der Russe glaubte demnach gar nicht wirklich daran, dass Menschen erworbene Eigenschaften vererben können. Und laut Graham war er von diesem Punkt offenbar selbst bei der Landwirtschaft nicht wirklich überzeugt.

(jle)