Genforschung im Licht der marxistischen Ideologie
Ein neues Buch von dem MIT-Historiker Loren Graham untersucht die umstrittenen Thesen des Biologen Trofim Lysenko. Er hatte in der Sowjetunion Vorstellungen zu Genetik und Landwirtschaft geprägt – die weisen heute Ähnlichkeiten zur Epigenetik auf.
- Maggie Koerth-Baker
Der Biologe Trofim Lysenko bietet allemal Stoff für die Literatur. 1898 geboren, stammt er aus bäuerlichen Verhältnissen und konnte in den 1940er unter Stalin großen politischen Einfluss erlangen. Dass seine Ansichten zu Genetik und Landwirtschaft in der Sowjetunion zugleich zu Missernten und Verschärfung von Hungersnöten führte, macht ihn für den Historiker Loren Graham interessant. Der Professor für Geschichtswissenschaften beschäftigt sich seit Jahrzehnte mit russischer Wissenschaft und geht in seinem neuen Buch "Lysenko's Ghost" der Frage nach, wie Politik, Religion, kulturelle Normen und Ideologie die Wissenschaft verzerren. Das berichtet Technology Review in dem Online-Text "Wenn Biologie auf Ideologie trifft".
Lysenko lehnte die konventionelle Genetik ab und wollte den Weizenertrag der hungernden Bauern stattdessen mit einer Reihe von kruden wissenschaftlichen Techniken steigern. So glaubte Lysenko unter anderem, Winterweizen könne schon im Frühjahr reif werden, wenn die Samen längere Zeit bei niedrigen Temperaturen gelagert werden.
Nun stellt sich mit den neuen Erkenntnissen der Epigenetik die irritierende Frage, ob Lysenko wirklich völlig falsch lag. Schließlich haben sie nachgewiesen, dass Umweltfaktoren wie eine Hungersnot die Genexpression und damit die Gesundheit späterer Generationen beeinflussen können. Graham zufolge fällt die Bemühung um Rehabilitierung auf fruchtbaren Boden: In Russland glaubten viele immer noch fest daran, dass Kollektivismus dem Individualismus überlegen sei. Für Graham bleibt Lysenko jedoch der Ideologe, als der er am Ende seiner Karriere dastand.
Mehr dazu lesen Sie bei Technology Review in "Wenn Biologie auf Ideologie trifft". (jle)