Schluss mit Ausreden

Wenn es im Straßenverkehr kracht, will oft niemand Schuld gewesen sein. Die zunehmende Vernetzung von Autos sorgt jedoch dafür, dass immer häufiger Daten vorliegen, mit denen Aussagen der Beteiligten überprüft werden können.

vorlesen Druckansicht 7 Kommentare lesen
Lesezeit: 3 Min.
Von
  • Tom Simonite
Inhaltsverzeichnis

Jeder macht mal Fehler – und viele Leute wollen das anschließend vertuschen. Wer es allerdings als Fahrer eines Autos von Tesla Motors versucht, kommt damit im Zweifelsfall schon heute nicht durch. Und bald dürfte es auch bei Unfällen mit allen anderen Autos nicht mehr möglich sein, das wahre Geschehen zu verschleiern.

Diese Schlussfolgerung lässt sich aus einem Vorfall Anfang Juni ziehen, bei dem der Besitzer eines Tesla Model X frontal ein Gebäude rammte und anschließend behauptete, das Auto habe von selbst beschleunigt. Tesla-Autos sind über das Internet ständig mit dem Hersteller verbunden, und der veröffentlichte die folgende Aussage zu dem Geschehen:

"Die Daten zeigen, dass das Fahrzeug mit 6 Meilen pro Stunden unterwegs war, als das Beschleunigungspedal abrupt zu 100 Prozent durchgetreten wurde. (…) Gemäß den Aktivitäten des Fahrers stellte das Fahrzeug Drehmoment zur Verfügung und beschleunigte, wie vom Fahrer verlangt."

Derartige Korrekturen unter Berufung auf Daten dürfte es bald häufiger geben. Noch protokollieren die meisten Autohersteller Informationen nicht so intensiv wie Tesla, doch die gesamte Branche scheint sich in die Richtung zu bewegen.

Die meisten in den USA verkauften Autos haben inzwischen einen Datenrekorder – manchmal als Black Box bezeichnet – eingebaut, der nach einem Unfall ausgewertet werden kann. In den wenigsten Fällen sammeln diese Geräte so viele Daten wie Tesla, und sie verschicken sie auch nicht über das Internet. Doch Vernetzung von Autos wird zunehmend zum Normalfall, und auch andere Autohersteller sind sehr an Daten aus ihren Fahrzeugen interessiert.

Derzeit haben nur rund 25 Prozent der neu verkauften Autos in den USA einen Internet-Anschluss, doch bis 2020 soll dieser Anteil auf mehr als 90 Prozent steigen. Unternehmen wie GM sprechen offen über ihren Wunsch, mehr Daten über das Verhalten der Fahrer zu sammeln, um sich neue Geschäftsmöglichkeiten zu erschließen.

Interessant für die Hersteller ist zum Beispiel das Versicherungsgeschäft. Manche Versicherungen bieten bereits Rabatte an, wenn Kunden in ihren Autos Geräte installieren, die den Fahrstil beobachten; GM hat Partnerschaften mit mehreren dieser Anbieter geschlossen, die dafür sein OnStar-System nutzen. Deutlich detailliertere Daten wie bei Tesla würden den Versicherungen nicht nur verraten, wohin ein Auto fährt, sondern jede Aktion des Fahrers erfassen.

Ein weiterer Grund für das Interesse an mehr Daten ist die Entwicklung von autonomen Autos. Der Autopilot von Tesla macht unter anderem deshalb so schnelle Fortschritte, weil das Unternehmen so viele Daten hat.

Wie jede Datensammlung dürfte auch das Aufzeichnen jeder Drehung am Lenkrad und jedes Tritts auf das Gaspedal nicht überall auf Zustimmung stoßen. Es wird viele Fahrer geben, die wie bei dem jüngsten Tesla-Vorfall der Meinung sind, sie würden wegen der Aufzeichnungen zu Unrecht beschuldigt. Zudem könnten Autohersteller oder Versicherungen die Protokolle auch auf unsaubere Weise für Preismanipulationen oder Werbeaktionen einsetzen. Und die Automobilbauer dürften häufig Aufforderungen von Strafverfolgungsbehörden bekommen, Fahrdaten für Ermittlungen zur Verfügung zu stellen.

Trotzdem könnten die Daten – und das Wissen, dass sie gesammelt werden – die Straßen sicherer machen. Denn bereits mehrere Studien haben gezeigt: Schon wenn Polizei, Taxifirmen und andere Vielfahrer-Unternehmen nur einfache Black-Boxen in ihre Fahrzeuge einbauen, gibt es deutlich weniger Unfälle.

(sma)