Online-Skat ist angesagt – Vereine hoffen auf Nachwuchs
Online-Spiele als Appetithappen: Für den Deutschen Skatverband erweist sich Online-Skat als ideales Mittel gegen Nachwuchssorgen.
Thorsten lebt an der Spree, seine Skatfreunde am Ufer des Hudson. Man trifft sich dennoch mehrmals in der Woche zur kleinen Runde am Spieltisch. Auch die Begeisterung des Schwarzwälders Arne für Schach kennt keine Grenzen: Sein Partner in Rom lässt sich gern zu einer Partie überreden. Ob Skat oder Schach, Pokern, Quiz und Doppelkopf: Im Internet finden sich immer Partner - zu jeder Zeit, an jedem Ort.
Die vielen Spielverbände in Deutschland beobachten das muntere Online-Treiben sehr aufmerksam. Eine Konkurrenz für ihr geselliges Vereinsleben allerdings wollen sie bisher nicht bemerkt haben. Im Gegenteil: Für den Deutschen Skatverband (DSkV) in Bielefeld sind die Spielhöllen im Internet kostenlose Werbung vor allem unter Nachwuchstalenten. "Das ist eine wahre Goldgrube", meint der DSkV- Geschäftsführer Wilfried Hoberg.
Immerhin finden nicht wenige der Millionen Internet-Nutzer manchmal oder auch regelmäßig Zerstreuung am PC. Oft werden Mittagspause, die Abendstunden oder ein verregneter Sonntag dazu genutzt, die spielerischen Kräfte mit anderen zu messen. Bei AOL Deutschland geht man davon aus, dass jeder zehnte der 1,5 Millionen Mitglieder regelmäßig spielt - Tendenz steigend. Ließe sich das hochrechnen – allein T-Online hat weitere sechs Millionen Kunden – käme eine beachtliche Zahl einsamer Zocker zusammen.
Dafür spricht auch die Tatsache, dass nach Erhebungen des Skatverbandes jeder vierte Deutsche Skat spielen kann (oder dies zumindest glaubt). Von diesen ist nur eine Minderheit in Verbänden organisiert: Der Dachverband zählt in seinen 2 200 Vereinen allenfalls 38.000 Mitglieder.
Insider sprechen von lang währenden Nachwuchsproblemen in den Klubs. Ein seit zwanzig Jahren in Deutschland lebender Niederländer mit dem Online-Namen "Skatpfeife" etwa übt Kritik an dem Mangel an Jugendarbeit. Die "etwas angegrauten Herren" in den Vereinen - er bezeichnet sie auch als "Rentnergang" - hätten sich zu wenig um Werbung der jüngeren Spieler bemüht. Der Mann weiß, wovon er spricht, war er doch jahrelang in einem Skatverein als Vorsitzender aktiv. Auch die Bridge-Vereine haben Nachwuchssorgen: Kommen jüngere Spieler in die Clubs, werden sie vielfach von den Älteren gemobbt", bedauert Ralf Teichmann, der Geschäftsführer des Deutschen Bridge-Verbandes, dem 450 Vereine und rund 28.000 Mitglieder angehören.
So geht der Impuls nicht selten vom Netz aus: Rose etwa, eine 45jährige Kauffrau, hat erst am heimischen PC richtig Spaß am Skat bekommen. Jetzt ist sie in ihrem Heimatort einen Verein beigetreten und geht regelmäßig auf Turniere. Auch Lopez hat über verschlungene Online-Pfade den Weg zu einem Verein gefunden. Die Vorteile des Spiels im stillen Kämmerlein liegen auf der Hand. Keinen stört es, wenn beim Grand mit Vieren die Füße auf dem Tisch liegen, der Schlafanzug an- und die Nachtcreme schon aufgelegt sind. "Man findet immer Spielpartner und kann gemütlich von zu Hause spielen", sagt der 26-jährige Bernhard, der rund 20 Stunden in jedem Monat am virtuellen Spieltisch verbringt. Vor allem aber die unendliche Ungebundenheit - zeitlich wie räumlich - wirkt auf die meisten Online-Spieler faszinierend.
Über die negativen Seiten des anonymen Spiels hinter verschlossenen Türen sind sich alle einig: "Die Atmosphäre fehlt, die Kommunikation ist dürftig", beklagt Bernhard. Drea, 32 Jahre alte Bestatterin, mag vor allem die "No-Names" nicht, "die abreizen, betrügen und bei schlechten Karten einfach aus dem Spiel verschwinden". Susanna Gilbert, dpa (wst)