Der Solar-Meilenstein kommt in Sicht
Eine aktuelle Studie sagt ein zeitnahes Erreichen der Marke von einem US-Dollar pro installiertem Watt Sonnenstrom voraus. Doch die Rechnung geht nicht ganz auf.
- Richard Martin
Vor knapp zwei Wochen veröffentlichte das renommierte Energiemarktforschungsinstitut GTM Research eine neue Untersuchung. Ihr Inhalt war explosiv: Die Experten glauben, dass in den nächsten vier Jahren ein für die Branche enorm wichtiger Meilenstein genommen werden könnte. Sind erst einmal ein US-Dollar pro installiertem Watt Sonnenstrom erreicht, wäre die erneuerbare Energieform grundsätzlich zu fossilen Stromerzeugern konkurrenzfähig – und zwar ohne zusätzliche staatliche Subventionen.
Die Marke von unter einem Dollar ist auch das Ziel der sogenannten SunShot-Initiative des US-Energieministeriums, die – in Erinnerung an die Mondlandung – einen breiten Ausbau der Solarenergie mit hohem Mittelaufwand durchsetzen will.
GTM-Report prognostiziert wichtigen Meilenstein beim Solarstrom
Doch so schön der GTM-Report auch klingen mag, es gibt noch einige wichtige ungeklärte Probleme. Denn der Dollar pro installierter Solar-Watteinheit repräsentiert noch nicht die wahren Kosten. Der Wert steht für die Summe, die ein Solarinstallateur von einem Kraftwerksbetreiber oder einem Immobilienentwickler nehmen würde, um die Anlage zu errichten – es sind also Kapitalkosten für die Installation, nicht die Betriebskosten.
Und die können durchaus signifikant sein. Dazu gehören etwa die notwendigen Übertragungsleitungen für die Einspeisung ins Stromnetz (oder die lokale Versorgung von Gebäuden), die Software, um die – selten einheitliche – Einspeisung zu steuern, sowie gegebenenfalls Energiespeichersysteme.
"Die wahren Kosten von Sonnenenergie hängen von zahlreichen Faktoren ab, die viel mit dem Aufbauort einer Anlage zu tun haben. Es ist schwer, das zu verallgemeinern", meint denn auch Benjamin Gallagher, Autor der GTM-Studie. Andrew Mills, Forscher für den Bereich Strommärkte am Lawrence Berkeley National Laboratory, hat hier auch Zahlen. Er glaubt, dass eine 1-Dollar-pro-Watt-Anlage je nach Umgebung zusätzliche Energiekosten in einer Höhe von rund sechs Cent pro Kilowattstunde verursachen kann. Das wäre vergleichbar mit den Kosten, die ein Erdgaskraftwerk im Betrieb verursacht – mit dem Unterschied, dass eine solche Anlage 24 Stunden am Tag laufen kann und nicht nur, wenn die Sonne scheint. Stromunterbrechungen in der Nacht und Energieeinbrüche bei bewölktem Wetter können bei Solaranlagen einen Aufschlag von bis zu 20 Prozent auf die "echten" Sonnenstromkosten verursachen, weil man dann Backup-Systeme braucht.
Billiger Sonnenstrom mit Folgen
Hinzu kommt, dass Experten schon seit längerem vor einem Ende des Wachstums der Solarbranche warnen. Ab einem bestimmten Durchdringungsniveau der Technik macht es wirtschaftlich immer weniger Sinn, neue Anlagen zu bauen, erläutert Frank O'Sullivan, Direktor für Forschung und Analyse bei der MIT Energy Initiative. "Denn: Starkes Wachstum drückt auf die Energiepreise."
Mit anderen Worten: Ab einem gewissen Punkt sorgen neu installiert Solaranlagen dafür, dass nicht nur der Sonnenstrom billiger wird, sondern auch der regulärer "Always on"-Kraftwerke, die fossile Energieträger nutzen und als Backup dienen. Insgesamt fallende Energiepreise sind zwar eine feine Sache für den Stromkunden. Doch für den Betreiber eines Kraftwerks sinkt die Motivation, zu investieren.
"Wachstumsrate wird sich verlangsamen"
Ergo: Sorgt der groĂźe Solarboom dafĂĽr, dass es schwieriger wird, die Kosten wieder einzuspielen, reduziert sich das Wachstum automatisch. "Da der Solarbereich in den USA mittlerweile mehr als ein Prozent der Energieerzeugung ausmacht, wird sich diese Wachstumsrate vermutlich verlangsamen", glaubt Ben Ho, Professor fĂĽr Wirtschaft am Vassar College.
Zu viel Solarenergie kann auĂźerdem das traditionelle Stromsystem durcheinanderbringen, wie man in verschiedenen Weltregionen bereits beobachten konnte. In Texas oder Kalifornien mussten Energiekonzerne in der Vergangenheit schon einmal ihre Kunden bezahlen, um ĂĽberschĂĽssige Energie zu "verbrennen", um Produktionsspitzen abzufedern.
Solche Probleme kann es immer wieder geben, solange es keine kostengünstigen Methoden gibt, den Strom zu speichern. Auch müssen neue Systeme her, die Angebot und Nachfrage im gesamtem Stromnetz besser managen. Und die Stromnetze selbst benötigen mehr Kapazität. "Das sind alles Artefakte eines schlecht gestalteten Marktes", sagt Jonathan Koomey, Consulting Professor in Stanford, der die wirtschaftliche Seite des Klimawandels untersucht. Und die Reformierung der Strommärkte wird nicht einfach. Da hilft auch keine Solarenergie für einen Dollar pro installiertem Watt. (bsc)