„Marktschreier, die den Mund zu voll nehmen.“
Die Angst vor superintelligenten Maschinen geht um. Wolfgang Wahlster, Deutschlands führender Forscher für künstliche Intelligenz, hält das für übertrieben. Er ist sich sicher: Wir werden den Fortschritt mögen.
- Robert Thielicke
TR: Das Spiel Go steht für höchste geistige Leistungen. Dennoch schlug dieses Frühjahr die künstliche Intelligenz AlphaGo den weltbesten menschlichen Spieler. Wurde Ihnen mulmig zumute angesichts der Zukunft des Menschen?
Wahlster: Nein, überhaupt nicht. Ich forsche seit über 30 Jahren an künstlicher Intelligenz, und Gewinne von Brettspielen sind eigentlich nichts Besonderes. Jeder, der gut spielt, ist nicht unbedingt superintelligent, sondern zunächst einmal ein Fachidiot in einem ganz speziellen Segment. In einigen Jahren werden wir mit müdem Lächeln feststellen, dass Computer eigentlich in allen Karten- oder Brettspielen besser sind als der Mensch, auch im Poker oder Bridge. Aber ich halte nichts davon, daraus abzuleiten, der Mensch würde nun in seiner Intelligenzleistung komplett besiegt.
Ist das nicht eine Beruhigungspille für die Öffentlichkeit, damit Sie ungestört weiterarbeiten können?
AlphaGo zeigt sehr schön, welches Revival die neuronalen Netze durch Deep Learning gerade erleben – was erreichbar ist, wenn Computer aus Massendaten lernen. Aber im Gegensatz dazu haben Menschen etwa die Fähigkeit, aus ganz wenigen Beispielen zu lernen. Wenn Sie zum Beispiel zum Tenniskurs gehen, zeigt Ihnen der Trainer in der ersten Stunde, wie der Aufschlag gemacht wird, und zwar nicht zehntausendmal, sondern zweimal. Trotzdem können Sie es anschließend – nicht besonders gut, aber Sie können es. Kein heutiges KI-System schafft so etwas derart spielerisch.
Dieses Imitationslernen bringen viele Forscher den Robotern aber gerade bei.
Was Sie heute als Imitationslernen bei manchen Industrierobotern sehen, ist im Vergleich zum Menschen absolut primitiv. Der Forscher führt die Hand des Roboters, und dieser vollzieht die Bewegung eins zu eins nach. So macht das der Tennislehrer aber nicht. Er macht es vor, und Sie müssen die Bewegungen seines Körpers auf ihren eigenen übertragen – selbst wenn Sie nur 1,40 Meter groß sind und er selbst zwei Meter. Natürlich spricht kein Naturgesetz dagegen, dass Computer irgendwann die geistigen Fähigkeiten von Menschen erreichen. Aber ich will den derzeitigen Hype etwas dämpfen. Wir können heute noch längst nicht alles, was der Öffentlichkeit manchmal suggeriert wird.
(rot)