Post aus Japan: Die wundersame Vermehrung der Haarwurzel
Mit Techniken aus dem Mobiltelefon und der Stammzellenforschung will der japanische Technikkonzern Kyocera Glatzen wieder zu Mähnen machen. Doch zuerst muss die Idee ausentwickelt werden.
- Martin Kölling
Japan probiert mit Elektronik seit jeher alles Mögliche aus – und oft auch das Unmögliche. Jeden Donnerstag berichtet unser Autor Martin Kölling an dieser Stelle über die neuesten Trends.
Kein Land dieser Welt ist so besessen von Haaren wie Japan. Haarwuchsmittel und -wässerchen sind Massenware in Drogerien des ostasiatischen Kaiserreichs. Haartransplantationskliniken werben in den Pendlerzügen. Und ein Friseur, der etwas auf sich hält, wird selbstverständlich die Kopfhaut massieren, um länger die Haarpracht zu erhalten.
So ist es nicht verwunderlich, dass die Revolution im Kampf gegen Haarausfall von Japan ausgehen könnte. Verwunderlich ist nur, dass ausgerechnet ein Technikkonzern uns davon träumen lässt, mit minimalem Eingriff Glatzen wieder in Mähnen zu verwandeln.
Technikkonzern will Haarzellen transplantieren
Der japanische Technikkonzern Kyocera hat diese Woche erklärt, mit dem Grundlagenforschungsinstitut Riken und Organ Technologies ein Verfahren für die Transplantation aus Stammzellen gezüchteter Haarzellen zu entwickeln. Das Novum: Anders als bisherigen Transplantationstechniken werden nicht bestehende Haarwurzeln oder Haut versetzt. Stattdessen werden wenige Haarwurzeln entnommen, Stammzellen isoliert und dann hunderte bis tausende frische Haarwurzeln gezüchtet.
Kyocera ist für die Transplantationstechnik zuständig. Es seien zwar mehrere Ideen in der Diskussion, wie die neuen Haarwurzeln eingepflanzt werden könnten, sagt eine Konzernsprecherin. "Aber von besonderem Interesse ist piezoelektrische Technik." Sie sei notwendig, um zwei Typen von Stammzellen, die vom Patienten eingesammelt und zu Haarwurzeln kultiviert wurden, präzise für eine Autotransplantation zu platzieren.
Haartransplantation mit Piezoelektrik
Piezoelektrik ist eines der Steckenpferde von Kyocera. Bei dieser Technik können sich Feinkeramik oder kristalline Materialien ausdehnen, schrumpfen oder vibrieren, wenn elektrische Spannung angelegt wird. Umgekehrt wird die Technik auch zur Stromerzeugung durch kleine Bewegungen wie das Drücken eines Schalters oder Fußabdrücke eingesetzt.
Kyocera nutzt diesen Effekt für die Kontrolle der Treibstoffeinspritzung in Dieselmotoren, Druckköpfe in Druckern und die lautsprecherlose Tonerzeugung bei Smartphones durch die Vibration des Displays. Interessiert, den Rückgang Ihrer Haarlinie umzukehren? Ein bisschen Geduld bitte noch. Bis 2018 will Kyocera den Prototyp der Technik fertiggestellt haben und bis 2020 zur Marktreife entwickeln. ()