Gesund durch Gentechnik?
Biowissenschaftler entwickeln genveränderte Pflanzen, die gesünder machen sollen. Aber es gibt viele Vorbehalte. Werden sich die Verbraucher trotzdem überzeugen lassen?
Violett und besonders gesundheitsfördernd? 2008 stellte das John Innes Centre im britischen Norwich die "Purple Tomatoes" vor.
(Bild: John Innes Centre)
- Inge WĂĽnnenberg
Gegen die zunehmenden Zivilisationskrankheiten im Alter will die britische Biologin Cathie Martin etwas unternehmen. Die Pflanzenforscherin vom John Innes Centre in Norwich will mit Ernährung gegensteuern. Aber nicht mit irgendwelcher, sondern mit genetisch veränderter, verbesserter Nahrung. Allein acht verschiedene Tomatensorten untersucht ihre Forschergruppe derzeit, um sie fit zu machen für den Kampf, wie Technology Review in seiner neuen August-Ausgabe (am Kiosk und im heise shop erhältlich) berichtet.
Die Wissenschaftler reicherten beispielsweise Tomaten mit sogenannten Anthocyanen an. Die Pflanzenfarbstoffe kommen in größeren Mengen sonst etwa in Blaubeeren oder Brombeeren vor und stehen im Ruf, vor bestimmten Krebsarten, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und mit dem Alter verbundenen degenerativen Krankheiten zu schützen. Erst im vorigen Oktober stellten Martins Kollegen Yang Zhang und Eugenio Butelli mit ihrem Team eine Züchtung vor, die gleich zwei Stoffe in höchster Konzentration enthält: zum einen Resveratrol, eine möglicherweise lebensverlängernde Ingredienz, die auch in Wein vorkommt. Und zum zweiten Genistein, einen natürlicherweise in Sojabohnen vertretenen sekundären Pflanzenstoff.
Doch bis solch genetisch verändertes Gemüse auf den Markt kommen könnte, ist es ein langer Weg. Zumal solche Erzeugnisse unter den Konsumenten nicht den besten Ruf genießen. In Deutschland hatten sie bisher keine Chance, vor allem auch, weil in der Vergangenheit Genveränderungen an Pflanzen in erster Linie dem Nutzen der Landwirte zur Steigerung ihrer Erträge dienten.
Die Frage ist nun, ob jene neue Generation von genveränderten Gemüsen, die dem Verbraucher einen Vorteil versprechen, die Akzeptanz der Konsumenten verbessern werden. Cathie Martin bereitet derzeit die Zulassung ihrer mit Anthocyanen angereicherten, tief violetten "Purple Tomatoes" durch die US-amerikanische Lebensmittelbehörde FDA vor. Ob und wann die Deutschen in den Genuss der britischen Tomaten kommen könnten, bleibt ungewiss, zumal ihr gesunder Bonus nicht abschließend bewiesen zu sein scheint: "Der gesundheitliche Nutzen von Pflanzenstoffen wie Anthocyanen und Resveratrol ist nicht nachgewiesen", sagt dazu Heiner Boeing vom Deutschen Institut für Ernährungsforschung Potsdam-Rehbrücke und verweist auf die Liste der von der European Food Safety Authority evaluierten "Health Claims". Der Wissenschaftler und Präsident der Federation of the European Nutrition Societies hält die anspruchsvollen Kriterien der EU-Behörde letztlich für maßgeblich.
Mehr zu dem Thema in der neuen Ausgabe von Technology Review (am Kiosk und im heise shop erhältlich). (inwu)