Risiko-Aktien für alle

In den USA dürfen sich seit dem Frühjahr normale Anleger an riskanten Start-ups beteiligen. Das erste Unternehmen, das damit die Schwelle von 1 Million Dollar Kapital überschritten hat, entwickelt eine künstliche Bauchspeicheldrüse.

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Von
  • Andrew Rosenblum
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Ein Unternehmen, das an einer "künstlichen Bauchspeicheldrüse" für Diabetiker arbeitet, hat als erstes Start-up eine Million Dollar über eine neue Art von öffentlichem Aktien-Angebot aufgenommen: Bis Ende Juli investierten insgesamt 775 Personen durchschnittlich jeweils 1.300 Dollar in Beta Bionics, ein von dem Biomedizin-Ingenieur Ed Damiano von der Boston University gegründetes Unternehmen.

Verkauft wurden die Anteile über das Crowdfunding-Portal Wefunder. Ähnlich wie andere Dienste wie StartEngine oder Flashfunders macht es sich neue Vorschriften für Wertpapierangebote in den USA zunutze: Seit diesem Mai dürfen private Unternehmen Anteile direkt an die allgemeine Öffentlichkeit verkaufen statt nur an professionelle Anleger.

Beta Bionics könnte zum Testfall für Crowdfunding und die Haltung der Technologieindustrie werden, laut der die Öffentlichkeit auch in riskante Start-ups investieren dürfen sollte. Weitere Unternehmen, die nach den neuen Regeln Kapital aufgenommen haben, sind Legion M, "das erste Hollywood-Studio, das den Fans gehört", eine Brauerei in Texas und ein Unternehmen, das an neuen genetisch veränderten Organismen arbeitet.

Der neue Prozess für die Kapitalaufnahme, bezeichnet als "Regulation Crowdfunding" ist die jüngste Lockerung des Wertpapierrechts in den USA, die mit dem JOBS Act von 2012 begonnen hatte. Ziel der Reformen ist eine Modernisierung der Geldanlage.

Als bei seinem Sohn Diabetes Typ 1 festgestellt wurde, entwickelte der Ingenieur Edward Damiano eine "Künstliche Bauchspeicheldrüse" für ihn.

Die Technologie für die künstliche Bauchspeicheldrüse von Beta Bionics wurde von Damiano entwickelt, dessen Teenager-Sohn unter Typ-1-Diabetes leidet, so dass er sich regelmäßig Insulin spritzen muss. Manche Diabetiker nutzen zur Unterstützung bereits implantierte Sensoren, die regelmäßig den Glukosespiegel in ihrem Blut erfassen. Das Gerät von Beta Bionics, genannt iLet, soll zusätzlich bei Bedarf Insulin in den Körper pumpen, also vollautomatisch funktionieren.

Für die Crowd-Finanzierung entschied sich Damiano, weil Beta Bionics ein gemeinnütziges Unternehmen ist – es arbeitet im Interesse von Menschen mit Typ-1-Diabetes, wenn nötig auch auf Kosten kurzfristiger Gewinne. Also brauchte es Anleger, die eher von Idealismus motiviert sind oder selbst unter Diabetes leiden. Bei schlechtem Umgang mit der Krankheit kann sie die Lebenszeit um mehrere Jahre verkürzen.

Tatsächlich sind viele der Anleger Wissenschaftler oder andere Personen, die mit Diabetes-Forschung zu tun haben. Einer von ihnen ist Gabriel Smolarz, ein klinischer Assistenzprofessor für Medizin an der Robert Wood Johnson Medical School der Rutgers University. Smolarz hat zwei Neffen und eine Schwägerin mit Typ-1-Diabetes. "Für mich ist das so ähnlich wie ein autonomes Auto", erklärt er. "Es hört sich toll an – das Potenzial ist groß, man eliminiert menschliche Fehler. Gleichzeitig verzichtet man aber auch auf menschliche Kontrolle."

Seit diesem Mai haben Privatpersonen mehr als 5 Millionen Dollar nach den neuen Crowdfunding-Regeln investiert, schätzt Nicholas Tommarello, Mitgründer und CEO von Wefunder. Damit kommt das neue Modell recht langsam in Gang, zumal laut Tommarello rund 29 Prozent der Anleger nur den Mindestbetrag von 100 Dollar investiert haben.

"Die Idee ist, dass sehr viele Leute kleine Investitionen vornehmen, anders als bei den großen Investitionen über die traditionelle Finanzinfrastruktur", erklärt Marc A. Leaf, Partner in der Kanzlei Drinker, Biddle and Reath, der früher für die US-Börsenaufsicht Securities and Exchange Commission gearbeitet hat.

Beta Bionics hat zusätzlich von der Tatsache profitiert, dass der Insulinhersteller Eli Lilly schon zuvor für 5 Millionen Dollar einen Anteil von 5 Prozent gekauft hatte. Damit ergab sich eine Gesamtbewertung von 100 Millionen Dollar für das Start-up, deutlich mehr als bei den meisten anderen Unternehmen, die sich über Crowdfunding finanzieren wollen.

Die ersten Prototypen für die künstliche Bauchspeicheldrüse wurden bereits an Freiwilligen getestet, eine umfangreichere Studie mit iLet soll im März 2017 beginnen. Anfangs soll das Gerät nur Insulin abgeben, das als Zuckerbremse im Körper wirkt. Ein zukünftiges Modell soll zusätzlich auch Glucagon liefern; dieses Hormon benötigt der Körper, wenn der Glukosewert zu niedrig ist, zum Beispiel zwischen Mahlzeiten.

Wenn es fertig ist, wird iLet mit anderen künstlichen Bauchspeicheldrüsen konkurrieren müssen. Gearbeitet wird daran unter anderem bei dem Medizintechnik-Unternehmen Medtronic, dessen Gerät im nächsten Jahr auf den Markt kommen soll.

(sma)