Gaming: Verspieltes Amsterdam
Die niederländische Metropole hat ihr erstes Hotel für Gamer.
- Hans Dorsch
Was soll ich in einem Gaming-Hotel?" Meine Frau zieht die Augenbrauen hoch, als ich von meinem Plan erzähle. "Es ist einfach ein schönes Hotel", sage ich. "Und es ist in Amsterdam." Das überzeugt sie offenbar.
Kurz darauf checken wir im Hotel mit dem passenden Namen "Arcade" ein – und lernen seinen Besitzer Daniel Salmanovich kennen. Auf die Frage, ob er ein Geek sei, antwortet der Kanadier mit einem klaren "Ja". Er ist Herr über eine beeindruckende Comicsammlung, über die er so begeistert wie sachkundig erzählt. Von allen Spielekonsolen, die es je gab, hat er die meisten schon selbst besessen. Schon während seines Kunststudiums in Montreal knüpfte er erste Kontakte zur Gastronomie – er jobbte in Bars, Restaurants und im Event-Management. 2004 zog er nach Amsterdam, wo er in verschiedenen Hotels arbeitete. Anfang 2015 übernahm er dann das "Aalborg Hotel" im angesagten Viertel De Pijp.
"Eine Mischung aus Prenzlauer Berg und Kreuzberg", erklärt Daniel, der auch schon mal ein Jahr in Berlin gelebt hat.
Und was genau macht ein Gaming-Hotel nun aus? Gibt es Themenzimmer? "Für die Inneneinrichtung ist meine Freundin zuständig", sagt Daniel. "Das hätte sie nie erlaubt." Und tatsächlich: In unserem Zimmer erwarten uns geradlinige Möbel und roher Backstein. Keine Super-Mario-Kulisse und keine Superheldenposter. Wir vermissen sie auch nicht. Im Badezimmer entdeckt meine Frau dann doch noch ein kleines Geek-Gimmick: Es wechselt dank LED-Leuchten auf Wunsch die Farbe.
"Unser Publikum sind keine Dauerzocker mit Tageslichtallergie, sondern Hobby-Gamer Mitte 30", sagt Daniel. "Erwachsene Menschen, die die alten Sachen wieder spielen wollen, aber weder Zeit noch Lust zum Sammeln haben."
Und wo sind die Games? Die bestellt man an der Rezeption. Wie aus einer Speisekarte wähle ich unser Spielemenü für den Abend. Acht Konsolenklassiker stehen zur Wahl: Atari 2600, Nintendo NES, SNES, Gamecube und N64. Des Weiteren Sega Dreamcast, Sony PS1 und Xbox 1. Dazu zwei Gameboys. Demnächst kommen noch mehr alte Maschinen. Der Herausgeber des ersten holländischen Videospiel-Magazins hat seine Sammlung für das Hotel geöffnet: 25 Konsolen und 1600 Spiele, zusammengetragen seit 1979.
Wir wählen die Sega Dreamcast, wollen aber erst einmal die Gegend erkunden. Als wir nacher ins Hotel zurückkommen, ist die Dreamcast schon an den Flachbildfernseher angeschlossen. Also Schuhe aus, Konsole an, entspannen. Ich kann meine Frau sogar zu einem "Sega Rally"-Duell überreden. Wer hätte das gedacht.
Trotz aller Spiele-Nostalgie gehen wir abends noch mal raus, wie die meisten anderen Gäste. "Wir haben noch nicht erlebt, dass jemand nur zum Spielen kommt", sagt Daniel. "Die Leute mögen das Ambiente und die Umgebung vielleicht sogar mehr als die Konsolen."
Beim Frühstück in der Bar spielen zwei italienische Mädchen an einem flimmernden Röhrenmonitor Nintendo. Von Gaming stand nichts bei der Buchung im Hotelportal, erzählt ihre Mutter Paola. Aber ihr gefällt es, und die Mädchen sind begeistert.
Vielleicht sollten sie im Sommer wiederkommen. Bis dahin werden zehn weitere Zimmer neu gebaut. Eines davon speziell zum Spielen: mit groĂźen Sofas, PlayStation 4, Xbox und Nintendo Wii. Mit Projektor, Soundsystem und Plattenspieler. Die erste Gruppe hat sich schon angemeldet: 20 Studienfreunde wollen ein "Mario Kart"-Turnier spielen. (bsc)