Ein Pub als Faradayscher Käfig
Ein britischer Bar-Besitzer möchte, dass seine Gäste miteinander ins Gespräch kommen, statt auf ihre Mobiltelefone zu starren. Um ihnen dabei zu helfen, sperrt er Funksignale in seinem Lokal einfach aus.
- Sascha Mattke
Wer in einem Auto sitzt, ist bekanntlich weitestgehend vor Blitzschlägen geschützt – die Karosserie wirkt als so genannter Faradayscher Käfig, der die Insassen von den Folgen elektrischer Entladungen abschirmt. Und auch wer im neuen Pub von Steve Tyler in Hove im Südosten Englands sitzt, ist geschützt – vor Blitzschlägen, vor allem aber vor Funksignalen: Weil ihm seine Gäste sonst zu viel mit ihren Mobiltelefonen herumspielen, hat Tyler kurzerhand Metall in Wänden und Decken seines Lokals installieren lassen. Handy-Empfang wird dadurch fast vollständig verhindert.
Mit der Funk-Abschirmung möchte Tyler erreichen, dass es bei ihm zugeht wie in der Zeit vor allgegenwärtigen mobilen Internet-Geräten und sozialen Medien: "Ich wollte einfach, dass die Leute einen Abend in meiner Bar genießen können, ohne von ihren Telefonen gestört zu werden", erklärte er der BBC. Er wolle die Gäste dazu bringen, sich "mit der realen Welt zu beschäftigen und nicht zu vergessen, wie man gesellig ist. Wenn Ihre Begleitung auf die Toilette geht, hält ein Mobiltelefon Sie davon ab, ein Gespräch mit anderen Leuten zu beginnen."
"Smartphone-Apps fĂĽr den kleinen Kick"
Tatsächlich ist das Bild heutzutage, egal wohin man kommt und in jedem Industrieland, das Gleiche: Menschen sitzen und stehen zusammen, aber fast immer hat irgendjemand ein Mobiltelefon in der Hand; und wer alleine unterwegs ist, verzichtet erst recht kaum noch auf ein bisschen digitale Gesellschaft.
Nach einer Studie der Universität Bonn aktivieren Smartphone-Besitzer ihr Gerät im Durchschnitt 53-mal am Tag und unterbrechen dafür alle 18 Minuten die Tätigkeit, mit der sie eigentlich gerade beschäftigt sind. "Smartphone-Apps funktionieren wie Glücksspielautomaten. Wir betätigen sie immer wieder, um uns einen kleinen Kick zu holen", wird Alexander Markowetz, Juniorprofessor für Informatik und Autor des Buches “Digitaler Burnout”, in einer Pressemitteilung zu der Untersuchung zitiert.
Zwang zum schnellen Antworten
Die Folgen sind unübersehbar. Zwar greifen sie ständig freiwillig danach, doch in Befragungen geben Kinder ebenso wie Führungskräfte an, durch die permanente Erreichbarkeit und den empfundenen Zwang zum schnellen Antworten auf neue Nachrichten unter Stress zu geraten. Bei Minderjährigen sind für solche Probleme die Eltern zuständig. Und in der Wirtschaft haben mehrere große Unternehmen begonnen, Regeln zu entwickeln, damit zumindest einfache Mitarbeiter nach Feierabend wirklich ihre Ruhe vor dem Vorgesetzten haben.
Das allerdings nützt wenig, wenn die so geschützten Arbeitnehmer nach der Arbeit dann trotzdem zum Handy greifen, um sich zum Beispiel in sozialen Medien umzusehen. Hier ist Selbstdisziplin gefragt. Für den Bonner Forscher Markowetz ist die häufige Smartphone-Nutzung "ein unterbewusster Reflex". Doch diese Automatismen könne man durch konkrete Techniken loswerden: das Schlafzimmer zur Handy-freien Zone erklären oder sich selbst die Regel geben, das Smartphone zum Beispiel nur auf einem unbequemen Küchenschemel zu nutzen.
Internet-freie Zonen
Alternativ kann man sich im vermutlich ersten und einzigen Hotel weltweit mit einem Aus-Knopf fĂĽr das Internet einquartieren (das allerdings ziemlich teuer ist) oder in eines der vielen Kellerlokale gehen, die von Funkwellen ganz ohne technische Tricks nicht erreicht werden.
Oder natürlich in den Pub von Tyler. Dessen Faradayscher Mobilfunk-Schutzkäfig besteht aus Silberfolie in den Wänden und Kupferdrähten in der Decke, die Funkwellen zwar nicht vollständig abblitzen lassen, aber doch hemmen. "Wenn Sie am Fenster sitzen, bekommen Sie ein Signal", heißt es auf der Website – die Abschirmung erfülle "keineswegs militärische Standards". Telefonieren können Tylers Gäste aber trotzdem in jedem Fall: Auf jedem Tisch steht ein klassisches Telefon, mit dem sie Drinks bestellen oder auch mit Besuchern an anderen Tischen flirten können.
Bar mit Mobilfunk-Abschirmung
The Gin Tub, so der Name der Bar, ist seit Ende Juli geöffnet, und mit dem Mobilfunk-Schirm hat sie es schon zu einiger Bekanntheit gebracht. Betreiber Tyler ist mit der bisherigen Resonanz nach eigenem Bekunden zufrieden. Beschwert über die fehlende Vernetzung, so sagt er, hat sich bislang noch kein einziger Gast. Einer allerdings habe geklagt, dass sein Mobiltelefon trotz der Abschirmung ins Netz eingebucht war, und sei dann an einen anderen Tisch gewechselt.
(sma)