Kommentar: Das Kopfhörerkabel bleibt dran!
Funkkopfhörer vereinfachen das Leben? Von wegen! Sie sind teuer, umständlich und klingen mies. Bleibt mir bloß weg damit, meint Hartmut Gieselmann.
(Bild: dpa/Archiv)
Ich mag Technik, die einfach funktioniert. Kopfhörer gehören dazu – aber nur, wenn sie ein normales Anschlusskabel haben. Denn mit ihnen kann man nichts verkehrt machen. Sie bestehen aus keiner komplizierten, fehleranfälligen Elektronik, sondern schlicht aus etwas Draht, der um einen Magneten gewickelt ist und eine Membran zum Schwingen bringt. Klang und Tragekomfort wurden zwar in den letzten Jahrzehnten verbessert, das grundsätzliche Prinzip blieb jedoch unverändert.
Blödsinnige Entwicklung
Inzwischen entwickeln einige Hersteller ihre Kopfhörer jedoch nur noch um der Entwicklung willen weiter. Schließlich darf es im Kapitalismus keinen Stillstand geben. Also gibts jetzt Modelle mit Funkübertragung, Geräuschunterdrückung, 7.1-Surround, Knochenschall, Pulsmesser, you name it.
Diese Funktionen machen Kopfhörer teuer und kompliziert. Sie verbessern weder den Klang, noch den Tragekomfort oder vereinfachen die Handhabung – ganz im Gegenteil. Die Funkübertragung komprimiert in der Regel das Audio-Signal und verschlechtert die Klangqualität, was je nach Modell und Übertragungs-Codec mehr oder weniger stark auffällt.
Zudem sorgt der Funk für eine leichte Verzögerung. Zum Musikmachen sind Funkkopfhörer daher ungeeignet. Wer damit musizieren will, muss sich also sowieso ein zweites Kabelmodell kaufen. Warum also nicht gleich zu letzterem greifen?
Mancher schwört ja auf eine "aktive Geräuschunterdrückung", die viele Funkkopfhörer heute mitbringen. Ich nenne sie lieber "aktive Rauschverlagerung", denn sie funktioniert meist nur auf bestimten Frequenzbändern und erzeugt bei mir ein unangenehmes Druck- und Abschirmungsgefühl. Da setz ich lieber auf passive Dämpfung: Die funktioniert unabhängig vom Außenlärm und ohne Akkustrom.
Frischer Kabelsalat mit Akku-Dressing
Mangels Kabel haben Funkkopfhörer einen Akku zur Stromversorgung. Der macht den Kopfhörer schwerer. Außerdem muss er ständig aufgeladen werden. Er zwingt mich als Anwender dazu, immer wieder Ladestände zu überprüfen und Zeiten zu kalkulieren, wann ich ihn wieder aufladen muss. Das geht mir bei Telefonen und Tablets schon auf den Keks, da brauch ich nicht noch ein weiteres aufladbares Gerät, dessen Ladeschale ich garantiert beim nächsten Trip vergesse.
Das Argument der "kabellosen Freiheit" ist letztlich nichts weiter als eine Werbelüge: Denn hier fallen die Kabel nicht weg, sie werden nur getauscht – Anschlusskabel gegen Aufladekabel.
Falsch verkuppelt
Die Koppelung der Kopfhörer funktioniert bei jedem Gerät anders: Mal muss man den Einschalter lange gedrückt halten, mal eine Taste doppelt drücken und 30 Sekunden warten. Dann wieder ins Setup des Handys oder Abspielgeräts wechseln.
Wenn das nicht gleich klappt (also in drei von vier Fällen), muss man ins Handbuch schauen und Bluetooth-Versionsnummern vergleichen. Vielleicht gibts im Internet ein Update? Vielleicht liegts aber auch am Abspielgerät? Da hab ich schon gar keinen Bock mehr. Und wenns dann endlich klappt, ist der Akku natürlich leer.
Obsoleszenz fest eingeplant
Da fragt man sich, warum man für diesen ganzen Firlefanz extra Geld bezahlen soll -- zumal man bei einem Funkkopfhörer rund den doppelten Preis anlegen muss, um einen ähnlich guten Klang wie bei einem Kabelkopfhörer zu bekommen.
Tja und dann soll jemand mal versuchen, einen heute aktuellen Funkkopfhörer in 20 Jahren noch einzusetzen. Bis dahin sind entweder die (fest verklebten oder nicht mehr lieferbaren) Akkus hinüber oder es gibt dann schon Bluetooth 13.4 mit EarXXX 3.5, das natürlich nicht mehr abwärtskompatibel ist. Die eingebaute Obsoleszenz der Funkkopfhörer lässt mich dann auch zurückschrecken, für einen solches Gerät mehrere hundert Euro auszugeben.
Bei guten Kabelkopfhörern ist es mir das Geld hingegen wert, wenn ich damit Musik besser genießen kann. Noch heute kann ich ein 50 Jahre altes Modell an ein niegelnageneues Abspielgerät anschließen und es funktioniert einfach – ohne Handbuchstudium, Akkuladung, Tastenkombinationen und Firmware-Update. Wunderbar!
Lesen Sie dazu auch den Gegenkommentar:
(hag)