Kommentar: Geh mir weg mit den Kabeln

Bluetooth-Kopfhörer oder doch lieber High-End mit Kabel? Für Gerald Himmelein in den meisten Situationen keine Frage: Kabel sind fast immer nur im Weg.

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Kommentar: Geh mir weg mit den Kabeln
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Von
  • Gerald Himmelein

Will man den Goldöhrchen unserer Redaktion einen Bluetooth-Kopfhörer schmackhaft machen, reagieren sie schon fast allergisch. Bluetooth und wohlklingender Ton, das geht ja überhaupt nicht.

Tatsächlich geben die Zahlen ihnen recht: Ob AAC, AptX oder SBC – was durch den Äther kommt, ist der Bandbreite des Kabels immer unterlegen. Sony hat zwar mit LDAC ein verlustfrei komprimierendes Bluetooth-Protokoll entwickelt, behält das aber seinen eigenen Produkten vor.

Und dennoch – netto ist das alles wurscht. Wer Bluetooth wählt, hat dafür einen wichtigeren Grund als Klangqualität. Es ist nämlich ganz einfach: Bluetooth macht mobil.

Ein Kommentar von Gerald Himmelein
Ein Kommentar von Gerald Himmelein

Gerald Himmelein schreibt seit 1998 für die c't und heise online. Er beschäftigt sich mit Dingen, die einem auf den Fuß (Hardware) ebenso wie mit Dingen, die einem auf die Nerven fallen können (Software). Also von Grafiktabletts und Tastaturen über Malprogramme und 3D-Grafik bis hin zu Windows-Troubleshooting.

Im Fitnessstudio etwa gibt es 1001 Situationen, in denen ein Kabel nicht nur lästig ist, sondern sogar gefährlich werden kann: Strippe in der Rudermaschine gefangen. Handy vom Kabel auf den Boden gerissen.

Ja, bei Bluetooth-Hörern ist immer zum blödesten Zeitpunkt der Akku leer. Das ist aber immer noch besser, als wenn einem die Kopfhörerstrippe am Funktionstrainer die Brille von der Nase fegt, direkt unter die Gewichte. Knirsch.

Auch wer mit Muckis nichts am Hut hat, weiß Bluetooth zu schätzen: Sind die Nachbarn lärmempfindlich, kann man beim Hausputz trotzdem laut Musik hören, ohne dass es genervt an der Tür klopft. Wer im Büro laufend zwischen Telefon- und Kopfhörer wechselt, freut sich ebenfalls über jede Strippe weniger. In fast jeder aktiven Lebenslage sind kabellose Kopfhörer enorm praktisch.

Diese Vorteile sind selbst den Goldöhrchen durchaus bewusst – sonst würden sie nicht bei jeder Neuankündigung eines Bluetooth-Kopfhörers kurz die Lauscher spitzen und intensiv ins Datenblatt gucken, bevor sie wieder die Schultern sacken lassen und ihr Kabel entknoten. Gelegentlich lassen sie sich auch dazu herab, Probe zu hören. Dann legen sie freilich genau das falsche Maß an: Sie fordern audiophile Perfektion – obwohl sie genau wissen, dass die Zahlen dagegensprechen.

Wenn ich aber gerade die Küchenregale auswische, joggenderweise Pokémon ausbrüte oder einen bissigen Kommentar für heise online formuliere, habe ich andere Prioritäten als perfekt nuancierte Höhen, ausgeglichene Mitten und prägnante Bässe.

Das heißt nicht, dass mir Klangqualität egal wäre: Klar sollten Bluetooth-Kopfhörer gut klingen, so gut wie eben möglich. Und wenn ich in Ruhe und Frieden meine Lieblingsmusik genießen will, wartet immer noch ein edler, kabelgebundener Kopfhörer in der Schublade. Aber für unterwegs... geh mir weg mit dem Kabelgewirr. Ich will Musik.

P.S.: In jedem Fall sollte dem Hörer die Wahl bleiben, ob er Kabel will oder nicht. Ja, natürlich meine ich hierbei Apple. Saublöde Idee.

Lesen Sie dazu auch den Gegenkommentar:

(ghi)