Die wirklich drahtlose VR-Brille kommt
Wer qualitativ hochwertige Virtual-Reality-Erlebnisse will, muss sich bislang mit einem PC verkabeln. Dank neuer Chips könnte sich das bald ändern.
- Tom Simonite
Der Oktopus befand sich ungefähr anderthalb Meter über meiner rechten Schulter. Ich drehte mich und ging langsam um ihn herum. Jeder, der mir dabei zusah, dachte wohl, dass ich etwas merkwürdig aussehe mit dem massiven schwarzen Virtual-Reality-Headset, das um mein Gesicht geschnallt war. Doch wenigstens gab es kein dickes Kabel, das meinen Rücken herunter zu einem PC verlief und über das ich hätte stolpern können.
Das fehlende Kabel setzt das Headset, das ich kürzlich beim Chiphersteller Qualcomm testen durfte, deutlich von dem anderer Hersteller auf dem Markt ab. Die Demo des Prototyp-Systems war allerdings noch nicht interaktiv. Aber die VR-Szene wartet mit Spannung auf das sogenannte VR820-Design, das die Virtual-Reality-Technik voranbringen und stärker in den Massenmarkt bringen könnte.
Verschiedene Ansätze für VR-Brillen
VR-Headsets, die auf einem Smartphone basieren, das das Display und die Prozessorleistung stellt, gibt es schon seit längerem auf dem Markt, etwa die Gear VR von Samsung, Googles Cardboard-Projekt oder dessen verbesserter Nachfolger Daydream. Diese Systeme bieten aber eine schlechtere Darstellung als ein PC mit leistungsfähiger Grafikhardware, an dem eine eigene VR-Brille wie die der Facebook-Tochter Oculus hängt.
Zudem kann man normalerweise die Position des Kopfes im Raum nicht richtig verfolgen, was notwendig wäre, wenn man im virtuellen Raum etwas untersuchen möchte – beispielsweise besagten Oktopus. Ohne echtes Positionstracking kann man sich zwar umschauen, doch der Blick ändert sich nicht, wenn man aufsteht oder sich nach vorne lehnt.
Positionstracking mit Oculus Rift und Vive
Die Oculus Rift oder HTCs Konkurrenzprodukt Vive bieten dieses Positionstracking und erlauben somit eine realistischere Erfahrung. Doch diese Brillen hängen eben an einem PC und verlangen zudem nach spezieller Hardware, die man im Raum installieren muss, damit die Personenerkennung funktioniert. Das Headset von Qualcomm trackt den Kopf dagegen mit einem integrierten Bewegungssensor und einer Kamera, die aus dem Gerät nach vorne schaut.
Zwar kann ein solches in sich geschlossenes System nicht die Leistung eines Spiele-PCs liefern, wodurch bestimmte komplexe Anwendungsfelder ausgeschlossen bleiben. Zudem ist noch nicht klar, ob VR820 ein ähnlich genaues Positionstracking erlaubt wie die Konkurrenz von Oculus und HTC. Qualcomm betont aber, dass komplexe 3D-Spiele und VR-Erfahrungen mit der Technik durchaus möglich sind.
Qualcomm bietet Design an
Die Headsets selbst werden nicht von Qualcomm verkauft. Stattdessen wird das Design anderen Hardwarefirmen angeboten, die dann eigene Implementation entwickeln sollen, was dann wiederum die Qualcomm-Chipverkäufe ankurbeln könnte. Die ersten Hersteller, die VR820-Systeme anbieten wollen, sollen in den kommenden Monaten verraten werden, sagt der Chipkonzern.
Das Konkurrenzunternehmen Intel hatte erst kürzlich sein eigenes VR-Headset-Design vorgestellt. Dort setzt man auf eine ähnliche Strategie wie Qualcomm, auch wenn es bislang keine für Journalisten nutzbare Prototypen zu geben scheint. All-in-one-Headsets sind zudem bereits auf dem chinesischen Markt verfügbar.
Kosten fĂĽr VR820 vergleichbar mit teurem Tablet
Hugo Swart, Senior Director of Product Management bei Qualcomm, meint, Headsets mit VR820 sollten ungefähr so viel kosten wie ein teureres Tablet. Damit könnte der Preis bei 500 Dollar plus liegen – deutlich weniger als die über 1400 Dollar, die für PC und Headset von HTC oder Oculus zu zahlen wären. (bsc)