Post aus Japan: Ausgebrütet!
Nippons Schneller Brüter Monju steht vor dem Aus, nicht aber das Forschungsprogramm für Plutoniumreaktoren.
- Martin Kölling
Japan probiert mit Elektronik seit jeher alles Mögliche aus – und oft auch das Unmögliche. Jeden Donnerstag berichtet unser Autor Martin Kölling an dieser Stelle über die neuesten Trends.
Der schwerste Komapatient der japanischen Atomindustrie darf wahrscheinlich endlich sterben. Die Regierung hat angekündigt, bis Jahresende über das Schicksal des Forschungsreaktors Monju zu entscheiden. Doch für Japans Medien ist damit ziemlich klar, dass Japans Schnellem Brüter nun der Stecker gezogen wird.
Ganz überraschend wäre das nicht. Der Reaktor war seit seiner Fertigstellung im Jahr 1994 nur zweimal kurz in Betrieb. Mehr noch: Er war verantwortlich für einen der schwersten Unfälle der an Zwischenfällen reichen Vor-Fukushima-Geschichte der japanischen Atomindustrie.
Zwischenfälle im Schnellen Brüter Monju
Im Dezember 1995 traten mehrere hundert Kilogramm Natrium aus dem Kühlkreislauf aus und lösten einen schweren Brand im sekundären Kühlkreislauf aus. Danach wurde der Reaktor für 15 Jahre stillgelegt, bis 2010 ein allerdings kurzlebiger neuer Versuch unternommen wurde, ihn dauerhaft zurück ans Netz zu bringen.
Doch nicht plötzliche Einsicht der Atomlobby um Ministerpräsident Shinzo Abe versetzt dem Projekt den Todesstoß, sondern ausgerechnet die Atomaufsicht. Sie hatte im November 2015 entschieden, dass die Japan Atomic Energy Agency nicht mehr als Betreiber des Reaktors qualifiziert sei. Außerdem forderten die Aufseher umfangreiche Nachbesserungen an der Anlage.
Rationale Wahl
Doch so sehr sich das Wissenschaftsministerium mühte, es fand bisher keine andere Institution, die sich dieses Projekt um den Hals hängen wollte. Und dann waren da noch die Kosten: Die neuen Arbeiten am AKW wurden auf weitere fünf Milliarden Euro geschätzt. Rund neun Milliarden Euro kostete das Projekt den Steuerzahler schon. Schwer zu verkaufen, besonders wenn kaum jemand mehr an einen Erfolg glaubt. Die Dekommissionierung der Anlage sei die einzige rationale Wahl, urteilte die Zeitung Asahi.
Dass Japan sich mit dem Ende seines Brüterprogramms so schwertut, hat allerdings einen handfesten Grund: Selbst nach der dreifachen Kernschmelze im Atomkraftwerk Fukushima 1 halten viele Vertreter der Atomindustrie an ihrem Traum vom nuklearen Brennstoffkreislauf fest. Und Schnelle Brüter waren dabei ein wesentlicher Bestandteil des Plans, Plutonium zu recyceln und Brennstoff für die einst geplanten Reaktoren herzustellen.
Japans Traum der Strom-Autarkie
Der Traum vom nuklearen Semi-Perpetuum-Mobile ist schon verständlich. Denn würde es Japan gelingen, erfolgreich einen Brennstoffkreislauf aufzubauen, könnte das von Rohstoffimporten abhängige Land wenigstens in der Stromproduktion durch Atomstrom autark werden. Darum will sich die Regierung auch weiterhin nicht ganz von der Vision verabschieden.
Andere Forschungsprogramme sollen weiterlaufen, kolportieren Japans Medien. Die noch ältere Forschungsanlage Joyo wird auf eine erneute Inbetriebnahme vorbereitet. Darüber hinaus überlegt die Regierung, sich aktiver an Frankreichs Forschungsprojekt Astrid (Advanced Sodium Technological Reactor for Industrial Demonstration) zu beteiligen. Bisher ist beispielsweise Toshiba als ein Lieferant dabei.
Atomkraft mit unsicherer Zukunft
Auch sicherheitspolitisch ist der Schritt nachvollziehbar. Die Wiederaufbereitung und damit der nukleare Brennstoffkreislauf sind Ecksteine des Atomabkommens mit den USA, das 2018 verlängert wird. Und wirtschaftlich gesehen wäre eine Bündelung der Ressourcen sicherlich sinnvoll. Aber was bis dato schmerzlich fehlt, ist eine Diskussion über die Zukunft von Japans nuklearem Brennstoffkreislauf nach der Atomkatastrophe und dem Boom alternativer Energieträger. So bleibt Japans Politik eine teure Wette auf eine Technik mit unsicherer Zukunft. ()