Die New Economy ist fĂĽr die Politik keine Eintagsfliege
Gründer und Politiker bemühen sich ums Gespräch. Doch alte Patentrezepte im neuen Kleid können die New Economy nicht beflügeln und die Politik nicht "funky" machen.
"Content ist das 'funky business', das das Kapital zum Tanzen bringt." Diese Einsicht ist nicht etwa einem Buzzword-Generator der New Economy entsprungen. Sie stammt vielmehr aus dem Mund von Siegmar Mosdorf, seines Zeichens Staatssekretär im Bundeswirtschaftsministerium. Der Trendsurfer glaubt endlich einen "Beweis" für seine langjährige These gefunden zu haben, dass in der Informationswirtschaft die Hardware an Bedeutung verliert und Inhalte immer wichtiger werden: Ihm ist das Buch "Funky Business" der beiden Schweden Kjell A. Nordström und Jonas Ridderstråle in die Hände gefallen, die ihr Werk als "Pflichtlektüre" für alle anpreisen, "die versuchen, die Sprache und die Rezepte der neuen Ökonomie zu verstehen."
Mosdorf brachte seine alten Einsichten im neuen Gewand am Montagabend in einer Diskussionsrunde an, zu der die damit ihren einjährigen Geburtstag feiernde, selbst von der Startup-Krise betroffene Zeitschrift Net-Business Spitzenpolitiker und Unternehmer der New Economy in die Räumlichkeiten der Commerzbank am Brandenburger Tor in Berlin geladen hatte. Es galt angesichts der traurigen Lage am Neuen Markt die Frage zu klären, ob sich die Art des Wirtschaftens durch die Internet-Startups wirklich verändert hat und welche Rolle die Politik bei der Gestaltung des vielfach ausgerufenen revolutionären Wandels einnehmen kann.
Weitgehend einig war sich die illustre Runde – neben Mosdorf hatte sich Net-Business-Chefredakteur Klaus Madzia den ehemaligen Bundeswirtschaftsminister Günter Rexrodt (FDP), den CDU-Generalsekretär Laurenz Meyer sowie Intershop-Mitbegründer Karsten Schneider und Pixelpark-Chef Paulus Neef aufs Podium geholt –, dass die New Economy mehr ist als eine Eintagsfliege. "Sie ist das Epizentrum der Veränderung unserer Volkswirtschaft", steckte Mosdorf die fast schon gefallene Latte wieder nach oben. Neef rief den Übergang von der Ellbogengesellschaft zur Beziehungsgesellschaft aus, da die Bereitschaft, Kooperationen einzugehen, in der New Economy viel größer sei. Rexrodt glaubte den Wandel sogar konkret daran festmachen zu können, dass es für junge Leute "nicht mehr erstrebenswert ist, im öffentlichen Dienst angestellt zu werden." Die Bereitschaft zur Selbstständigkeit sei enorm gewachsen, der "Megatrend" zur kleinen Einheit in der neuen Unternehmenswelt nicht mehr rückgängig zu machen.
Mit dem Tempo, das die Startup-Gründer vorlegen, können allerdings Politiker, Investoren und Verbraucher nicht immer mithalten: Den Durchstartern dauert es zu lange, bis bürokratische Formalitäten wie die Eintragung einer Firma ins Handelsregister erledigt sind. Außerdem drängen sie das Bundeswirtschaftsministerium, Druck auf den obersten Finanzkassenwart auszuüben, um die Besteuerung von Aktienoptionen zu ändern. Geprellte Anleger fordern dagegen nach Schmierenstücken und Pleiten am Neuen Markt ein Mehr an Regulierung, die den Finanzmarkt wie in den USA stärker kontrollieren soll. Und die Konsumenten stürzen sich derzeit lieber in den Winterschlussverkauf, als sich mit PCs sowie Internet-Zugang auszurüsten und online zu shoppen.
Was kann der Staat da tun, um die "Misere" zu beenden? Rexrodt und Mosdorf plädieren dafür, dem Markt möglichst wenig in die Quere zu kommen. Die von Madzia aufgebrachte Idee, Netzzugangsgeräte staatlich zu subventionieren, fand der FDP-Politiker schlicht "absurd". Ihm liegt vor allem daran, das Arbeitsrecht zu entschlacken, um den Entrepreneur-Spirit nicht zu unterwandern. "Die Arbeitswelt ist in einer Art und Weise überreguliert, die Deutschland einen großen Imageschaden und einen faktischen Nachteil bringt", sagte Rexrodt. Durch die Verpflichtung zur Teilzeitarbeit und die Ausdehnung der Mitbestimmung der Mitarbeiter auf "Kleinstbetriebe" habe die rot-grüne Regierung hier sogar das Rad noch zurückgedreht.
Auch Mosdorf ist prinzipiell eher für weniger als für mehr Gesetze. Forderungen, dem teilweise selbstzerstörerischen Gebaren junger börsennotierter Firmen gesetzliche Schranken zu setzen, erteilte er eine klare Absage. "Wir brauchen Transparenz, aber ich setze auf die aufgeklärte Gesellschaft", machte der SPD-Politiker klar. Die New Economy wirft für den Staatssekretär die Frage auf, ob nicht auch eine "New Society" vonnöten sei. Darunter versteht der von seinen Besuchen im Silicon Valley sowie der Silicon Alley New Yorks geprägte Mosdorf eine Gesellschaft, "in der man nicht nur eine Weltanschauung vor sich her trägt, ohne die Welt gesehen zu haben." Die Startup-Community warnte er allerdings davor, zu viel Talent auf einmal zu verbrennen: Das rasende Tempo in den Dot.Coms könne Kreativität auch zersetzen. Dann würden Burnout und "Hurry-Sickness" drohen.
Angesichts der weitgehenden Einigkeit seiner marktbegeisterten Kollegen versuchte CDU-Generalsekretär Meyer wenigstens einen Kontrapunkt zu finden. So sprach er dem Staat die Aufgabe zu, mehr für den Aufbau vernünftiger Netzinfrastrukturen zu tun und Verbrauchern den Zugang zum Internet und zum E-Ecommerce schmackhafter zu machen. (Stefan Krempl) / (jk)