Kontaktbörse Internet: Neue Chancen auch für Freiberufler

Freelancer-Börsen im Internet fungieren gezielt als Kontaktbörse zwischen Ein-Mann-Unternehmen und größeren Firmen.

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Von
  • Venio Piero Quinque
  • dpa

In der Internet-Wirtschaft müssen die Geschäfte nicht nur laufen, sie müssen schnell laufen. "Es kommt nicht selten vor, dass Unternehmen ihre Projekte am liebsten schon gestern realisiert haben wollen und deshalb kurzfristig einen Bedarf nach Arbeitskraft haben", sagt Udo Karlsberg, Referatsleiter Informationsverarbeitung bei der Bundesanstalt für Arbeit in Nürnberg. Diese sollen meistens nicht unbedingt fest angestellt werden, sondern nur für die Dauer des Projekts in der Firma arbeiten.

Um eben diese Nachfrage zu stillen, haben die staatlichen Arbeitsvermittler auf ihrer Site einen Bereich eingerichtet, in dem Freiberufler und Unternehmen Kontakt miteinander knüpfen können. "Wir haben weit über 5800 entsprechende Angebote im Internet stehen", sagt Karlsberg. "Die Plattform ist nach Branchen strukturiert und frei beschreibbar, man kann sich mit Namen und Adresse eintragen oder per Chiffre, wie im Stellenteil einer Zeitung."

Auch die private Wirtschaft hat diesen Trend für sich entdeckt. Nicht nur bei Internet-Stellenbörsen wie Stepstone haben sich spezielle Angebote etabliert, die gezielt als Kontaktbörse zwischen Ein-Mann-Unternehmen und größeren Firmen fungieren. "Freelancern gehört definitiv die Zukunft", sagt Jochen Mayer, Geschäftsführer der Freelance.com GmbH in Bad Homburg. "Wir beobachten, dass in einigen Branchen wie der Filmwirtschaft überhaupt nur noch projektbezogen gearbeitet wird."

Das Arbeitsmodell des Festangestelltseins sei keines, das natürlich entstanden ist. Es sei vielmehr entwickelt worden, um den Wirtschafts- oder Marktanforderungen gerecht zu werden, die es früher gab, nämlich dem Bedarf an einer hohen Stabilität über lange Zeiträume. "Wir haben jetzt veränderte Marktbedingungen mit einer höheren Dynamik, Komplexität und vor allem einem Projektcharakter in vielen Branchen." Dies sei keine Modeerscheinung, sondern vielmehr eine dauernde Bewegung hin zu mehr Flexibilität, sagt Mayer.

Das ebenso wie die Münchner Konkurrenzbörse Gulp.de bereits 1996 gegründete Unternehmen mit Stammsitz in Frankreich hat sich in seinem deutschen Angebot auf freiberufliche IT-Experten und Programmierer spezialisiert. Während Gulp nach eigenen Angaben 20.000 Freiberufler allein auf dem deutschsprachigen Markt vermittelt, sind es bei Freelance.com weltweit rund 40.000 Freelancer. Die Freelance.com-Datenbank verwendet dabei einen eigenen so genannten Recruitingprozess, einschließlich klassischer Bewerber-Interviews, um so die Qualifikationen der professionellen Freelancer zu überprüfen.

Ebenfalls auf den Fachkräftemangel in der IT-Branche setzt die Skill Portal AG im hessischen Langen: Das Unternehmen will künftig andere Firmen dabei unterstützen, IT-Dienstleistungen extern einzukaufen. "Für die Nachfrager ist das Angebot auch kostenpflichtig, während die Freiberufler nichts zahlen müssen", sagt Marion Sebastian, Marketing-Leiterin von Skillportal. Dieses Konzept erschien der Lufthansa so viel versprechend, dass sich die Fluglinie mit zehn Prozent eingekauft hat. "Durch Skill Portal profitieren beide Seiten", erläutert Hermann-J. Simon vom Management der Lufthansa Systems in Frankfurt den Vertragsschluss. "Unternehmen, die IT-Know-how nachfragen, erhalten Zugriff auf einen weltweiten Experten-Pool und externe IT-Anbieter bekommen Zugang zu renommierten Großunternehmen."

Damit die Firmen qualifizierte IT-Mitarbeiter erhalten, wird das Skillportal von Mitarbeitern betreut, die neben den nachgewiesenen Fähigkeiten auch ein Bild von den sozialen Kompetenzen der Bewerber erstellen sollen. Gleichzeitig werden die suchenden Unternehmen auf ihre Arbeitsbedingungen hin geprüft. Bevor die potenziellen Partner auf die Plattform gelassen werden, erhalten sie jeweils ein Zertifikat. Größere Unternehmen wie die Lufthansa bekommen auf dem Skill Portal einen eigenen Marktraum zugeteilt, kleinere Firmen können auf Marktplätzen suchen, die später nach Branchen und Ländern aufgeteilt werden sollen.

Eine für alle Branchen offene Kontaktbörse bieten die Betreiber der Site Freelance-boerse.de an: "Jeder, der freie Mitarbeiter oder freie Mitarbeit sucht, kann bei uns fündig werden", beschreibt Oliver Tümmers, Geschäftsführer und Mitgründer des Services in Singen die Firmen-Philosophie. Vor zwei Jahren hat Tümmers mit seinem Partner die Idee zur Jobbörse für Freiberufler gehabt. Wer als Freiberufler daran teilnehmen möchte, muss einen Jahresbeitrag in Höhe von 245 Mark entrichten, für suchende Unternehmen ist das Angebot kostenlos. "Von den Sparten Bauindustrie über Geigenbau und Hubschrauberpiloten bis Werbung sind die meisten Branchen vertreten", sagt Tümmers.

Das Internet bietet aber nicht nur die Möglichkeit, Aufträge als Freiberufler zu finden. Wer entsprechendes Interesse hat, kann sogar die Seite wechseln: "Wir haben bei dem Aufbau unseres Internet-Angebots festgestellt, dass eine große Anzahl von Betrieben auf der Suche nach Firmennachfolgern ist", sagt Udo Karlsberg von der Bundesanstalt für Arbeit. "Deshalb haben wir kurzfristig ein entsprechendes Forum eröffnet, auf dem Firmensenioren Kontakt zu ihren Nachfolgern bekommen können." (Venio Piero Quinque, dpa) / (anm)