Klebeband am Notknopf

Mit Industrie 4.0 kommen auf die Konstrukteure und Planer von Anlagen neue Herausforderungen beim Arbeitsschutz zu. Manche rufen den Betriebsrat auf den Plan.

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Von
  • Bernd Müller
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In deutschen Fabriken herrschen – im Prinzip – höchste Sicherheitsstandards. Maschinen werden so abgesichert, dass das Bedienpersonal nicht hineingreifen kann, wenn die Maschine läuft. Durchsichtige Türen sind mit einem Schalter gesichert, der die Maschine stoppt, wenn jemand die Tür öffnet. So sollte es sein. So ist es aber leider nicht immer. Arbeitsschützer finden an Arbeitsplätzen immer wieder manipulierte Sicherheitseinrichtungen. Dann ist zum Beispiel der Türschalter mit Klebeband eingedrückt, so dass die Tür immer als geschlossen gemeldet wird. Fragt man die Werker, hört man die Klage, dass die Sicherheitstechnik die Arbeit behindere. Bei Akkordarbeitern, die nach Stückzahl bezahlt werden, ist das ein nachvollziehbarer Grund.

Im Idealfall gehen Sicherheit und Bedienbarkeit Hand in Hand. Dazu müssen Maschinenkonstrukteure und die Lieferanten von Automatisierungstechnik früher miteinander reden, am besten schon in der Planung einer Maschine oder Produktionsanlage. Das gilt umso mehr bei Industrie 4.0. Die Produktion wird vernetzter und komplexer, damit wird auch die Sicherheit komplizierter. Wobei sich die Diskussion in der letzten Zeit sehr auf die IT-Sicherheit (englisch: Security) fokussiert hat, also auf den Schutz gegen Hacker. Die physische Sicherheit am Arbeitsplatz, für die es im englischen das eigene Wort Safety gibt, geriet dabei aus dem Blickfeld beziehungsweise gilt angesichts hoher Sicherheitsstandards als geringeres Problem. Allerdings wachsen mit Industrie 4.0 auch die Herausforderungen der Arbeitsplatzsicherheit.

Ein Beispiel: Jede Maschine hat einen roten Notaus-Knopf. Drückt man ihn bei Gefahr, steht die Maschine sofort still. Doch was passiert in einer Produktionsanlage, die aus vielen Modulen variabel zusammengestellt ist, wenn ein Bearbeitungsmodul gar nicht in Betrieb ist? Dann drückt man möglicherweise den falschen roten Knopf und nichts geschieht.

"Die Mitarbeiter müssen sich hundertprozentig darauf verlassen können, dass die Abschaltung funktioniert", fordert Joachim Merx, Kundenbetreuer bei Pilz, das sichere Automatisierungssysteme herstellt. Das Unternehmen in Ostfildern arbeitet derzeit an einer Lösung für genau solche Szenarien. Geplant ist ein beleuchteter Not-Knopf, der verblasst, wenn das Modul nicht in Betrieb ist. "Sicherheit wird damit dynamisch und flexibel", so Merx. Seit einigen Jahren hat Pilz zudem das modulare und dezentrale Automatisierungssystem PSS 4000 im Programm, das Automatisierung und Sicherheit verschmilzt. Wird eine Maschine nachträglich erweitert, fügt man einfach eine zusätzliche Steuerung hinzu, auch Safety und Security erweitern sich dadurch modular. Das soll Komplexität reduzieren.

Ein Szenario, das in Fabriken künftig immer häufiger zu finden sein wird: Roboter und Mensch arbeiten Hand in Hand am selben Arbeitsplatz. Der Roboter sortiert Teile oder legt diese zur Montage bereit, den Einbau des Teils übernimmt der Mensch mit seinem überlegenen Fingerspitzengefühl. Damit sich die Kollegen aus Blech beziehungsweise Fleisch und Blut nicht ins Gehege kommen, ist eine Art unsichtbarer Schutzzaun vonnöten, der den Roboter verlangsamt oder stoppt, wenn ihm der Mensch zu nahe kommt. Pilz hat dafür das Safety Eye entwickelt, eine Kamera, die von der Decke den Arbeitsplatz im Blick hat und bei einer so genannten Verletzung der Schutzzone ein Stoppsignal an die Steuerung des Roboters sendet.
Kamera? Betriebsräte und Arbeitsrechtler werden da hellhörig. Für die Videoüberwachung von Personen gelten strenge Grenzen. Die beim Safety Eye allerdings nicht überschritten würden, sagt Merx. Safety Eye sei mittlerweile in mehreren hundert Anlagen weltweit im Einsatz, vor allem in Deutschland habe es hin und wieder Bedenken von Seiten der Betriebsräte gegeben. Die seien aber alle ausgeräumt beziehungsweise in Betriebsvereinbarungen geklärt worden.

Was macht Pilz anders als etwa die Betreiber von Supermärkten, die mit der Überwachung ihrer Mitarbeiter für Schlagzeilen gesorgt haben? Zunächst nimmt Safety Eye nur dann Bilder auf, wenn der Schutzraum tatsächlich verletzt wird, wenn sich also eine Person dem Roboter oder einer anderen Gefahrenquelle nähert. Die Schwelle dafür lässt sich einstellen. Dann knippst die Kamera maximal 75 Bilder im Abstand von 0,1 Sekunden, wobei vor und nach der Verletzung des Schutzraums nur jeweils zwei Bilder aufgezeichnet werden. Ist alles in Ordnung, zeichnet die Kamera keine Bilder auf, sie hat auch keinen Speicher zur längeren Archivierung der Aufnahmen. Der Zugriff auf die Kameradaten ist passwortgeschützt, wer Zugriff hat, sieht nur Personen von oben, die sich nicht identifizieren lassen, ähnlich wie bei den neuen Körperscannern am Flughafen. "Wichtig ist, die Mitarbeiter einzubeziehen", empfiehlt Joachim Merx. Wo diese bei der Inbetriebnahme dabei seien, habe es noch nie Beschwerden gegeben.

Industrie 4.0: Neue Herausforderungen beim Arbeitsschutz (6 Bilder)

YuMi von ABB ist der ideale Helfer: Er spürt Berührungen und wird sofort langsamer, um den Menschen nicht zu verletzen.
(Bild: ABB)

(jle)