Ein Windpark unter Wasser
Das Gezeitenkraftwerk MeyGen in Schottland soll zeigen, wie viel Energie man aus dem Ozean ziehen kann.
- Jamie Condliffe
Die Gewässer zwischen der zerklüfteten schottischen Küste und den Orkney-Inseln sind bekannt für ihre starke Tide. Nun wird das Land einen Nutzen daraus ziehen. Denn in der Gegend von Pentland Firth entsteht mit MeyGen das weltweit größte Gezeitenkraftwerk dieser Art. Seit 1966 gibt es schon eine Anlage in Frankreich. Sie liegt in der Mündung der Rance und besitzt eine Kapazität von 240 MW. Doch für dieses Kraftwerk musste genauso wie für die Anlage im südkoreanischen Sihwa-ho (254 MW) extra ein Damm gebaut werden.
Das ist bei dem schottischen Projekt MeyGen nicht vonnöten. Hier werden die Fundamente und die Turbinen an Land gefertigt, um dann in 30 Metern Tiefe im Boden verankert zu werden. Mit der Installation der ersten vier von insgesamt 269 Turbinen wurde jetzt begonnen. Jede Turbine der Hersteller Atlantis Operations und Andritz Hydro Hammerfest wiegt 200 Tonnen, hat einen Rotordurchmesser von 18 Metern und leistet 1,5 Megawatt. Dabei ist die Gondel um 360 Grad drehbar und kann sich beim Wechsel der Gezeiten neu ausrichten.
Wenn in den 2020er-Jahren sämtliche geplanten Turbinen laufen, werden sie gemeinsam rund 400 Megawatt liefern – genug für 175000 Haushalte. Die schottische Regierung unterstützt das Projekt mit rund 25,6 Millionen Euro, in das zum Beispiel Atlantis Resources aus Edinburgh als Anteilseigner von 85 Prozent mehr als 580 Millionen Euro investieren will.
Ausgewählt wurde der Standort wegen der besonders starken Gezeiten, die zu einer Strömung von bis zu fünf Metern pro Sekunde führen. Dadurch können Gezeitenkraftwerke vom Wetter unabhängig eine exakt berechenbare Menge Strom liefern. Allerdings sind die technischen Anforderungen an solche Projekte enorm: Die Materialien müssen dauerhaft der starken Strömung und der Aggressivität des Meerwassers standhalten. Außerdem sind das Verlegen von Seekabeln und der Anschluss an das Stromnetz teuer. Neben der Installation der Turbinen unter Wasser ist schließlich auch die Instandhaltung aufwendig.
Die ersten fünf Jahre sollen die Turbinen den Herstellern zufolge jedoch keine Wartung benötigen. Dann aber müsste ein Serviceschiff kommen. Sollten am Ende jedoch alle 269 Turbinen stehen, würde sich ein eigenes Schiff lohnen: Dann wäre die Anlage auch kostenmäßig konkurrenzfähig mit Offshore-Windfarmen. Bisher liefern die Windparks im Binnenland und auf See den Großteil der erneuerbaren Energie in Schottland. Insgesamt deckt die regenerative Energie gut 57 Prozent des schottischen Verbrauchs ab; am Ende sollen es hundert Prozent sein. (bsc)