Auf den Spuren des Ohrwurms

Wissenschaftler wollen die Erfolgsformel für Hits gefunden haben, die im Kopf bleiben. Wie man aber theoretisch einen Ohrwurm schafft, dürften Songschreiber und Musikproduzenten längst herausgefunden haben.

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"Live – na naaaa na na-na – Live – is – life – na naaa na na-na…." Und? Hat‘s schon geklappt? Hat sich der Opus-Titel bereits zwischen die Zentren Ihrer Schläfen- und Stirnlappen gepflanzt? Prima! Damit wären wir schon mitten im Thema. Denn Wissenschaftler aus London, Aarhus und Tübingen haben laut Wired das Phänomen des Ohrwurmsnäher untersucht. Ihr Fokus lag dabei auf dem Song selbst: Welche musikalische Struktur hat er? Welches Tempo ist am besten? Was ist signifikant? Und: Wie präsent war er in den britischen Charts?

Gegenstand der Analyse waren Popsongs, die 3000 Teilnehmer einer Online-Umfrage als Titel genannt hatten, die bei ihnen oft in Dauerschleife im Hirn herumspuken. Verglichen haben die Wissenschaftler diese Titel mit Liedern, die zwar eine ähnliche musikalische Kontur hatten und auch ähnlich bekannt sind, aber von den Teilnehmern nicht genannt wurden. Die zwei Gruppen haben die Forscher anhand von 83 musikalischen Faktoren analysiert.

So viel vorab: "Live – is – life – na naaa na na-na" ist nicht unter den meist genannten Titeln. Lady Gaga führt mit ihrem Song "Bad Romance" und 33 Nennungen die Liste an. Gefolgt von Kylie Minogue (Can‘t get you out of my head) und Journey (Don‘t stop believing). Die Forscher kommen zu dem Ergebnis, dass Ohrwurm-Stücke, dazu neigen, ein schnelleres Tempo zu haben. Außerdem setzen sie auf einer musikalischen Struktur auf, die die Hörer bereits kennen und als angenehm empfinden. Zeichnen sich die Titel nicht durch eine bekannte Grundmelodie aus, so sollten sie überraschende Sprünge in der Melodie aufweisen. Auch Wiederholungen steigern das Ohrwurm-Potenzial. "Bad Romance" sei da ein passendes Beispiel, da es sowohl ungewöhnliche Intervalle als auch Wiederholungen kombiniere.

Der Musikwissenschaftler Volkmar Kramarz von der Uni Bonn machte bereits in einem Interview mit der ZEIT auf eine andere "Formel" aufmerksam. Er stellt den Pachelbel-Kanon heraus. Die Akkordfolge, die im 17. Jahrhundert von dem Komponisten Johann Pachelbel gespielt wurde, taucht in zahlreichen Popsongs auf. "Der Pachelbel-Kanon war in den Sechzigern enorm beliebt und dann in den Achtzigern, Neunzigern noch mal wiedergekommen. Denken wir an "Lemon Tree" von Fool's Garden oder "Go West" von den Pet Shop Boys. Momentan ist die Formel nicht so häufig“, sagt Kramarz im Interview.

Verschiedene Musik-Kabarettisten, wie Rob Paravonian oder Axis of Awesome, haben eindrücklich in diesen Videos vorgeführt, wie weit verbreitet der Pachelbel-Kanon im weitläufigen Pop-Gefilde ist. Daher dürften die theoretischen Erkenntnisse, was einen Hit-Song ausmacht, der gleichermaßen im Ohr bleibt, schon zu den Songschreibern und Musikproduzenten durchgesickert sein. Dennoch sind sie keine Garantie – auch die persönliche Verfassung eines Hörers, Umwelteinflüsse und die emotionale Bedeutung, die der Hörer damit verbindet, spielen eine Rolle. Und die lässt sich auf der Seite der Produktion (zum Glück) nur schwer beeinflussen.

Wie man übrigens einen Ohrwurm wieder aus dem Kopf bekommt, habe ich an anderer Stelle mal gebloggt. … Und jetzt alle: Na naaa na na-na! (jle)