Post aus Japan: Herbergen wie Zuhause

Japan rüstet seine traditionelle Hotelindustrie vor der Olympiade technisch auf. Selbst kleinste Ryokan wollen mehrsprachig um Touristen werben - dank des Einsatzes künstlicher Intelligenz.

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Von
  • Martin Kölling
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Ein Land dieser Welt könnte der maschinellen Simultanübersetzung gesprochener Sprache einen kräftigen Schub verleihen: Japan. Vor der Olympiade 2020 rüstet es gerade technisch massiv auf, um dem erwarteten Besucheransturm multilingual mit Omotenashi, japanischee Gastfreundlichkeit, begegnen zu können. Kaum ein Tag vergeht, an dem nicht ein neuer Übersetzungsdienst vorgestellt wird.

Post aus Japan
Post aus Japan

Japan probiert mit Elektronik seit jeher alles Mögliche aus - und oft auch das Unmögliche. Jeden Donnerstag berichtet unser Autor Martin Kölling an dieser Stelle über die neuesten Trends aus Japan und den Nachbarstaaten.

Panasonic hat beispielsweise ein Megafon entwickelt, das japanische Ansagen ins Englische, Chinesische und Koreanische übersetzen kann. Das Vokabular umfasst derzeit rund 300 Sätze. Die Polizei verteilt derweil nicht nur englischsprachige Beamte, sondern auch Tablet-PCs mit Übersetzungsprogrammen an ihre Koban, die traditionellen kleinen Nachbarschaftswachen, um Touristen helfen zu können. Und auch die Hotelindustrie rüstet auf, um endlich einen Geheimtipp für Japan-Reisende auch für die touristischen Massen zu erschließen: die traditionellen Ryokan, kleine Herbergen mit erlesener Küche und heißen Quellen.

Die Holding KNT-CT, ein Anbieter von Reisebüros und anderen touristischen Diensten, hat sich mit der Firma Umami zusammengetan, die künstliche Intelligenz entwickelt. Gemeinsam führen sie derzeit multilinguale Chatbots ein, die ausländischen Besuchern und einheimischem Hotelpersonal die verbale Kommunikation erleichtern sollen.

Das System soll Japanisch, Englisch, Chinesisch und Koreanisch übersetzen können. Und wenn es mit der Spracherkennung einmal nicht so funktioniert, schaltet sich ein mehrsprachiger Mensch per Internet zu. Abhängig von der Größe des Etablissements soll der Dienst zwischen 25 und mehreren hundert Euro pro Monat kosten.

Diesen Dienst halte ich sowohl für die Herbergen als auch Touristen für vielversprechend. Denn bisher haben die Herbergen ein Problem: Die Zahl der japanischen Kunden sinkt. Und anders als die großen Hotelketten konnten bisher viele Ryokan nicht vom Boom ausländischer Touristen profitieren. Denn oft scheitert schon die Buchung bei vielen der Miniherbergen an Sprachbarrieren, da sie sich kein bi- oder multilinguales Personal leisten können.

Ich habe es immer wieder erlebt, dass Herbergen Buchungen am liebsten am Telefon oder per Fax annehmen. Viele wünschen sich zudem, dass die Besucher aus Japan stammen, wenn schon nicht von der Nationalität her, dann wenigstens postalisch.

Dies entspringt nicht Böswilligkeit oder Rassismus, sondern oft der Sorge, dass a) die Herbergsbesitzer nicht adäquat mit den Gästen kommunizieren können und b) die Gäste sich vielleicht nicht zu benehmen wissen. Zum Beispiel ohne sich vorher zu waschen in die heiße Quelle gehen oder so. Chatbots könnten hier nun Abhilfe schaffen und Japan wenigstens fremdsprachlich in ein Touristenparadies verwandeln. ()