Börsenparkett entwickelt sich zum Märchenland
Oracle sah sich veranlasst zu betonen, Larry Ellison sei nicht tot. Gerüchte über den Rücktritt und sogar den Tod des Oracle-Chefs führten zu hohen Kursverlusten an der Wall Street.
"Er wurde in einen Schwertkampf mit Bill Gates auf dem Mount Rainier verwickelt", schrieb ein Chatter bei Yahoo zu den Gerüchten, dass Larry Ellison, Gründer und Vorstandschef von Oracle, gestorben sei. Andere vermuteten, dass er mit einem Jet auf dem Parkplatz seines Unternehmens zerschellt sei. Und die Börse reagierte prompt: Der Kurs von Oracle sackte im morgendlichen Handel am gestrigen Donnerstag vom Vortagsschluss bei 31,38 US-Dollar bis auf 27,25 US-Dollar ab.
Nicht alle Gerüchte hatte den Tod von Ellison zum Gegenstand. Man hörte auch, dass er und sein Finanzchef Jeff Henley Oracle verlassen hätten. Als dann auch noch das Gerücht durch die Luft schwirrte, dass Oracles Wertpapier bereits auf 22,25 US-Dollar abgesackt wäre und bekannt wurde, dass die US-Börse Nasdaq einige Transaktionen mit Oracle-Aktien annulliert hatte, war das Untergangsszenario perfekt.
Freilich stellte sich schnell heraus, dass der Preis von 22,25 US-Dollar für ein Papier von Oracle einfach falsch war. Ein Börsenangestellter hatte wohl für eine Transaktion diesen falschen Preis eingegeben. Deshalb stornierte die Nasdaq auch die Transaktionen, die mit diesem Preis ausgeführt wurden – sie hatten nach Angaben eines Sprechers der Börse auch nur ein Volumen von rund 11.000 Papieren, was verglichen mit den knapp 150 Millionen Oracle-Aktien, die gestern gehandelt wurden, verschwindend wenig ist. Oracle war damit die am zweitmeisten gehandelte Firma.
Wie es genau zu den fehlerhaften Transaktionen kommen konnte, wollte die Börse nicht mitteilen. Allerdings räumte der Sprecher gegenüber dem Wall Street Journal ein, dass es natürlich hin und wieder zu Fehleingaben oder zu Systemproblemen kommen würde. Aber er betonte, dass man keine Transaktionen aufgrund von Gerüchten stoppe.
Diese wollte Oracle dann am späten Donnerstagvormittag endgültig ausräumen – der Kursverlust hatte die Marktkapitalisierung bis 11.30 Uhr (Ortszeit) bereits um gut 22 Milliarden US-Dollar vermindert. Oracles Sprecher Kevin McGuirk sagte in einem Statement, dass sowohl Ellison als auch Henley noch im Unternehmen seien und wohl kaum mit weniger Energie ihren Geschäften nachgehen könnten. "Die Gerüchte sind definitiv absolut unwahr", betonte der Sprecher. Nach dieser Mitteilung erholte sich der Kurs auch wieder etwas und schloss gestern bei 29,56 US-Dollar, immer noch 1,81 US-Dollar im Minus.
Die Absurdität dieser Vorgänge verdeutlicht die Wandlung, die der Börsenmarkt derzeit vollzieht. Die zunehmende Popularität des Aktienbesitzes hat das Handelsaufkommen an den Börsen enorm in die Höhe getrieben. Damit steigt natürlich auch die Wahrscheinlichkeit, dass sich bei der Ausführung der Transaktionen Fehler einschleichen oder die verwendeten Systeme dem Ansturm nicht mehr gewachsen sind – in Deutschland erlebte man dies eindrücklich beim Börsengang von Infineon, während dem die verwendeten Handelssysteme zeitweilig völlig überlastet waren.
Die Tatsache, dass man heutzutage Informationen oder auch Pseudoinformationen über moderne Medien wie Fernsehen und das Internet sehr schnell einem sehr großen Kreis von Rezipienten zugänglich machen kann, bringt zudem die Möglichkeit mit, Aktienkurse gezielt zu beeinflussen. Gerade die letzen Tage haben gezeigt, dass diese Möglichkeit auch immer wieder wahrgenommen wird.
Zudem wird an der Reaktion der Börse auf die Gerüchte deutlich, nach welchen Kriterien Unternehmen oftmals bewertet werden, vor allem, wenn an ihrer Spitze so illustre Figuren wie Larry Ellison stehen. Oft spielt nicht die wirtschaftliche Kraft eines Unternehmens oder die technische Güte seiner Produkte die wichtigste Rolle, sondern "Nachrichten" beeinflussen die Entwicklung einer Firma, die eigentlich allenfalls in Boulevard-Blättern von Interesse wären. Man kann sich schwerlich noch der Frage erwehren, ob die Anleger einfach nur sehr nervös sind, oder ob sie den Aktienhandel nicht vielmehr wirklich nur noch als Glücksspiel betreiben. (chr)