Schwedens Telekom-Juwel Telia torkelt in die Krise

Nach dem Teilverkauf des Nationalsymbols Volvo an Ford müssen die Schweden beim Telekom-Konzern Telia eine mindestens genauso symbolträchtige Havarie verkraften.

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Von
  • Thomas Borchert
  • dpa

Nach dem Teilverkauf des Nationalsymbols Volvo an Ford müssen die Schweden in dieser Woche eine mindestens genauso symbolträchtige Havarie verkraften. Nachdem Telia am Wochenende bei der Vergabe von vier UMTS-Lizenzen geradezu sensationell leer ausgegangen war, sackte der Aktienkurs des größten heimischen Telefonkonzerns am Montag streckenweise um 15 Prozent unter 50 Kronen. Erst im Frühsommer hatten eine Million Bürger, mehr als zehn Prozent der Gesamtbevölkerung, Telia-Aktien für jeweils 85 Kronen gezeichnet. Jetzt muss sich die sozialdemokratische Regierung von Ministerpräsident Göran Persson vorwerfen lassen, beim Werben für die neue "Volksaktie" Telia den Mund viel zu voll genommen zu haben.

"Bauernfängerei! Dass der Staat so was darf, ist ein Skandal", zitierte Dagens Nyheter am Montag den empörten Telia-Kleinaktionär Hans Anderson. Solche Stimmen fanden sich zu Hauf in allen Medien und zeigten, dass es bei Telias Niederlage im Wettlauf um Lizenzen für die kommende Handy-Generation für das Millionenheer der schwedischen Kleinanleger um weit mehr geht als nur eine enttäuschte Hoffnung auf Wertzuwachs. 80 Prozent, so ermittelte Aftonbladet, bereuen inzwischen ihre Geldanlage bei der Teilprivatisierung von Telia, die ihnen Wirtschaftsminister Björn Rosengren als sichere Investition in der zukunftsträchtigsten Branche ihrer skandinavischen Heimat angepriesen hatte.

Der wortgewandte Sozialdemokrat konnte dabei auf ein solides Grundvertrauen seiner Landsleute bauen. So wie man früher in Schweden die weltweite Anerkennung der Qualität von Autos von Volvo oder Saab als Garantie für eine positive Wirtschaftsentwicklung registrierte, gilt heute die führende schwedische Stellung bei Telekommunikation und Internet als Wohlstandsgarant. Alle Welt kennt Ericsson-Handys und kaum irgendwo sonst ist die Verbreitung von Mobiltelefonen oder privaten Internetanschlüssen so weit wie im Land der Elche. Neue Systeme wie jetzt die Vernetzung von Privathaushalten mit leistungsstarken Breitbandkabeln werden schnell und betont pragmatisch eingeführt.

"Schwedens ist Europas IT-Land schlechthin", schreibt Dagens Nyheter stolz, um damit die allgemeine Enttäuschung über das Scheitern von Telia gegen größere europäische Konkurrenten wie die britische Vodafone oder France Telecom um so kräftiger herauszuheben. Dass auch die Deutsche Telekom mit ihrem Konsortium ausgesiebt wurde, konnte den Leitartikler der führenden Stockholmer Zeitung nicht trösten: "Telia war einmal ein Kronjuwel. Jetzt sieht die Zukunft unsicher aus."

Das führende schwedische Unternehmen habe die UMTS-Konkurrenz einfach zu lässig genommen, hieß es in den meisten Kommentaren. Tatsächlich hatte Telia nur etwas mehr als die Hälfte der von anderen Bewerbern angepeilten Investitionssumme von jeweils etwa 20 Milliarden Kronen (2,3 Milliarden Euro) in den Ausbau des neuen 3G-Netzes stecken wollen. Wie in alten Monopoltagen habe die Telia-Führung mit Vorstandschefin Marianne Nivert an der Spitze wohl doch zu sehr auf ihre 1a-Kontakte zu Regierungsmitgliedern gebaut, meinte ein Branchenanalyst. Dass demnächst Köpfe für diese teure Fehleinschätzung rollen müssen, gilt in Stockholm als sicher. Offen ist aber, ob es Minister, die zu viel versprachen, oder zu lässige Manager treffen wird. (Thomas Borchert, dpa) / (jk)