Nur nicht aus dem Rhythmus kommen

Unsere Produktivität scheint nicht nur von der exklusiven Fokussierung auf eine bestimmte Aufgabe abzuhängen, sondern auch von der Einhaltung eines Rhythmus.

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Von
  • Jutta Eckstein

Schon wieder Linda Rising – nachdem mich die Grande Dame der Pattern- und Retrospektivenwelt nach ihrem letzten Vortrag bereits zu dem Blog Alles Lüge animiert hat, inspirierte sie mich diesmal auf der QCon in San Francisco mit ihrem Vortrag "Perfection: an unrealistic goal - the challenge of being agile". Darin erläuterte sie zuerst die seit längerem bekannte wissenschaftliche Erkenntnis, dass unser Schlaf in 90-Minuten-Zyklen abläuft. In diesen Zyklen werden jeweils alle verschiedenen Schlafphasen durchlaufen. Es gibt inzwischen ja z.B. auch Wecker, die auf diesem Wissen basieren und erkennen, in welcher Phase des Zyklus man sich gerade befindet. Der Wecker weckt einen dann unter Umständen früher, nämlich z.B. am Ende des dritten 90-Minuten Zyklus und nicht in der Mitte des vierten – da dies als weniger belastend empfunden wird und man ausgeschlafener aufsteht.

So weit so gut. In ihrem Vortrag brachte sie dann jedoch die Überlegung (basierend auch auf anderen Studien/Überlegungen) auf, dass wir eventuell auch am Tag produktiver sind, wenn wir uns an den 90-Minuten Rhythmus halten. Auch wenn diese Überlegung eher in den Anfängen liegt, so gibt es doch auch hier einige ersten Studien dazu, die dies nahelegen. So hat z.B. Arlo Belshee in seinem Beitrag zur Agile 2005 "Promiscuous Pairing and Beginner's Mind: Embrace Inexperience", ohne von den 90-Minuten-Zyklen zu wissen, bei seiner Untersuchung zur Produktivität des Pair Programming festgestellt, dass die Produktivität am höchsten ist, wenn ein Entwicklerpaar für 90 Minuten zusammen programmiert, dann eine Pause macht und dann jeweils mit einem anderen Entwickler die nächsten 90 Minuten paarweise programmiert, usw. Wie gesagt, Arlo kannte die Idee des 90-Minuten-Rhythmus nicht und hatte entsprechend auch Pair-Programming-Zyklen von einer Stunde, einem halben Tag, einem und drei Tagen untersucht. Aber im 90-Minuten-Rhythmus waren die Entwickler mit Abstand am produktivsten. In einem anderen (Selbst-) Versuch beschreibt Tony Schwartz im Havard Business Review, wie er in 90-Minuten "Sprints" (er nannte diese Zyklen tatsächlich so) ein Buch in der Hälfte der Zeit fertigstellte, verglichen mit seinen anderen Bücher. Diese Sprints waren sehr fokussierte Arbeitszyklen, in denen er keinerlei Unterbrechung zuließ, um sich danach in 20-30 Minuten zu erholen, indem er etwas vollkommen anderes machte (z.B. spazieren gehen, Sport treiben, usw.), um sich dann erholt an den nächsten 90-Minuten-Sprint zu setzen.

Wie wichtig es ist, während fokussierter Arbeit keine Unterbrechung zuzulassen, wissen wir spätestens seit Tom DeMarcos Buch Spielräume. Inzwischen gibt es v.a. auch in unserer Branche hierzu Studien, die belegen, dass sich beim Verschieben der Aufmerksamkeit von einer primären Aufgabe (z.B. programmieren) zu einer sekundären (z.B. E-Mail lesen) die primäre Aufgabe um 25% länger dauert.

Mir persönlich gab dieser Vortrag genug Stoff zum Nachdenken und ich fange an, mich zu wundern, warum ich seit Jahren bei meinen Seminaren auf 90-Minuten-Lerneinheiten poche, auf die dann eine entsprechende Pause folgt. Ich fand es bisher einfach geschickt, natürlich, "normal" – wie auch immer, aber seit über 10 Jahren gestalte ich alle meine Seminare auf diese Art und Weise. Nun denn, auch wenn ich bei meinen Seminaren scheinbar automatisch diesem Rhythmus folge, so heißt das noch lange nicht, dass ich das an anderer Stelle auch tue. Deshalb habe ich mir jetzt erstmal vorgenommen, meinen Tagesablauf genauer zu untersuchen und vielleicht kann ich tatsächlich mit geringerem Zeitaufwand eine höhere Produktivität erreichen. Ein Selbstversuch – allerdings habe ich noch meine Zweifel wie konsequent ich ihn durchführen werde – aber wie war das: Aller Anfang ist schwer.

Referenzen:

Linda Rising. Perfection: an unrealistic goal – the challenge of being agile. QCon San Francisco.

Arlo Belshee. Promiscuous Pairing and Beginner's Mind: Embrace Inexperience. Proceedings Agile 2005 Conference.

Tony Schwartz. Manage Your Energy, Not Your Time. Havard Business Review. Oktober 2007, 63.

Tom DeMarco. Spielräume. Projektmanagement jenseits von Burn-out, Stress und Effizienzwahn. Hanser, 2001. ()