Wie man einen Bestseller schreibt

Erfolg auf dem Buchmarkt gilt als kaum vorhersagbar, so dass wenige Bestseller reichlich Nieten mitfinanzieren mĂĽssen. Zwei Literaturforscher haben jetzt versucht, das Geheimnis des Verkaufserfolgs zu entschlĂĽsseln.

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Von
  • Sascha Mattke
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Mehr als 125 Millionen verkaufte Exemplare, übersetzt in 52 Sprachen, und das am schnellsten verkaufte Taschenbuch aller Zeiten in Großbritannien: Bei Lesern in aller Welt kam der BDSM-Roman "Fifty Shades of Grey" ohne Frage außergewöhnlich gut an. Kaum weniger einig waren sich die Kritiker – fast unisono verdammten sie das Werk als schlecht geschrieben und die Handlung als langweilig.

Jodie Archer und Matthew L. Jockers, ebenfalls professionelle Literaturkenner, kommen zu einer anderen Beurteilung. Die Grundlage dafür ist allerdings nicht ihr Geschmack, sondern eine aufwendige Analyse mit statistischen Modellen und reichlich Rechenleistung. Und laut dieser Auswertung ist "Fifty Shades of Grey" stilistisch gesehen zwar tatsächlich nicht sehr überzeugend, dafür aber thematisch (und zwar nicht wegen der Sexszenen) – und die Handlung des Buches wird in einem fesselnden Rhythmus präsentiert, der seinesgleichen sucht.

Zu entnehmen ist diese Erkenntnis dem in diesem Herbst erschienenen Buch "The Bestseller Code" von Archer, ehemalige Lektorin, Literaturdozentin an der Stanford University und Buch-Forscherin bei Apple, und Jockers, Englisch-Professor an der University of Nebraska. Beide kommen also aus der Welt der schönen Künste, versuchen aber seit langem, sich ihr mit den Mitteln der modernen Informationstechnologie zu nähern. Die Idee zu dem Versuch, das Wesen von Bestsellern zu ergründen, kam im Jahr 2010 von Archer, wie es in dem Buch heißt. Jockers dagegen habe bis dahin eher daran gedacht, mit Computerhilfe Werke von hohem literarischem Wert zu identifizieren.

Doch Jockers ließ sich von Archers Interesse an bestens verkaufte Bücher anstecken, und so machten sich die beiden an eine fünfjährige Forschungsarbeit über Bestseller. Sie schrieben Analyse-Algorithmen und ließen sie auf 5000 verschiedene Bücher los, von denen es 500 auf die Bestseller-Liste der New York Times geschafft hatten. Das Ergebnis lässt – nicht nur wegen des positiven Urteils über "Fifty Shades of Grey" – aufmerken: "Bucherfolge entstehen nicht beliebig, und der Buchmarkt ist nicht so unberechenbar, wie viele meinen", schreiben Archer und Jockers.

Das Modell, mit dem sie Verkaufserfolge systematisch vorhersagen wollen, arbeitet dabei zum einen mit reinen Zählungen, ermittelt also, wie häufig bestimmte Worte und Satzzeichen in einem Text vorkommen und wie lang die einzelnen Sätze sind. Außerdem ließen Archer und Jockers ihre Computer herausfinden, welche Passagen von negativen und welche von positiven Stimmungen geprägt sind. Am rechenintensivsten war das so genannte "dependency parsing" zur Bestimmung der grammatikalischen Struktur von Sätzen, das pro Buch bis zu 15 Stunden in Anspruch nehmen konnte.

Insgesamt identifizierten Archer und Jockers auf diese Weise 28.000 verschiedene Merkmale, die sie im nächsten Schritt auf 2799 besonders relevante eingrenzten. Mit drei unterschiedlichen Statistik-Verfahren (für Experten: K Nearest Neighbors, Support Vector Machines und Nearest Shrunken Centroids) entwickelten sie dann ein "Bestseller-ometer", das in Tests mit 80 Prozent Trefferquote vorhersagen konnte, ob ein Buch aus ihrer Stichprobe ein Bestseller ist oder nicht und sogar eine Wahrscheinlichkeit dafür angibt.

Das Buch ist erkennbar von Bücher-Freunden geschrieben. Zwar kommen Archer und Jockers immer wieder auf ihre computergenerierten Erkenntnisse zurück, doch sie ergehen sich auch mehrmals viele Seiten lang in Lob und Kritik für Inhalte und Sprachstile, bei denen nicht erkennbar ist, dass sie auf den Ergebnissen ihrer statistischen Analysen beruhen. Ob das daran liegt, dass es über die wissenschaftliche Fundierung nicht mehr zu erzählen gibt, oder daran, dass die beiden schlicht nicht aus ihrer klassischen Kritiker-Haut herauskönnen, lässt sich schwerlich sagen. Statistik-Interessierte wird es jedenfalls mehr stören als Bücherwürmer.

Und was zeichnet nun "Fifty Shades of Grey" so aus? Laut dem Bestseller-ometer ist zum einen die inhaltliche Mischung gelungen – im Zentrum steht nicht etwa Sex, sondern menschliche Beziehungen als laut der Auswertung wichtigste Zutat für Verkaufserfolge. Und wie die Stimmungsanalyse ergab, wechseln sich positive und negative Gefühle in schöner Regelmäßigkeit ab, was laut Archer und Jockers den süchtig machenden Effekt des Buches erklärt, von dem viele seiner Leser berichten.

(sma)