Post aus Japan: Schmoren im eigenen Saft

Bei der Entwicklung von künstlicher Intelligenz wiederholt sich ein in Japan altes Phänomen: Das Land ist aktiv, nur sieht man es auf der Weltbühne nicht. Das könnte sich rächen.

vorlesen Druckansicht
Lesezeit: 4 Min.
Von
  • Martin Kölling
Inhaltsverzeichnis

Leser japanischer Zeitungen mögen glauben, dass Asiens zweitgrößte Volkswirtschaft auch in der Entwicklung künstlicher Intelligenz ein Trendsetter ist. Für einige Firmen und Forschungseinrichtungen mag es sogar stimmen, dass sie vorne mitschwimmen. Japans Technikkonzerne stocken ihre Forschung in diesem Gebiet tatsächlich auf. Doch eine Studie des Nistep (Japans nationalem Institut für Wissenschafts- und Technologiepolitik) zeigt, dass Japans Forschung wieder einmal unter Ausschluss der Weltöffentlichkeit stattfindet.

Das Nistep analysierte dazu die Herkunft von Präsentationen und Präsentatoren von drei internationalen und einer japanischen Konferenz zwischen 2010 und 2015. Der gemeinsame Trend aller Konferenzen ist, dass die Zahl der Vorträge über künstliche Intelligenz und angrenzende Bereiche in den vergangenen Jahren deutlich zugenommen hat. Die Zahl der Beiträge in Veranstaltungen von Japans Gesellschaft für künstliche Intelligenz ist demnach von 415 auf 723 hochgeschnellt. Nur ist Japan damit auf internationaler Bühne kaum vertreten.

Post aus Japan
Post aus Japan

Japan probiert mit Elektronik seit jeher alles Mögliche aus - und oft auch das Unmögliche. Jeden Donnerstag berichtet unser Autor Martin Kölling an dieser Stelle über die neuesten Trends aus Japan und den Nachbarstaaten.

Die führende Rolle spielen außerhalb des Landes mit großem Abstand die USA, zeigt die Nistep-Analyse. Auf Rang 2 folgt dann keine angestammte Wirtschaftsmacht, sondern China. Die Beiträge aus dem Land oder von chinesischen Forschern nehmen demnach rapide zu. Japan, Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Australien und Südkorea rangieren weit dahinter.

Nehmen wir einmal die Konferenz der Association for the Advancement of Artificial Intelligence als Beispiel. Die Zahl der Veröffentlichungen hat sich dort im untersuchten Zeitraum von 348 auf 674 erhöht – und dies auch dank chinesischer menschlicher Intelligenz. Der Anteil "Chinas" nahm bis 2015 von 12,1 auf 20,5 Prozent zu, während der der USA von 55,2 auf 48,4 Prozent sank.

Dahinter rangieren Australien (8,8 Prozent), Großbritannien (8,2 Prozent) und Kanada (5,5 Prozent). Deutschland, Frankreich und Japan trugen unter vier Prozent zur globalen Diskussion über künstliche Intelligenz bei. Und mehr noch: China ist nicht nur bei Einzelstudien inzwischen eine Macht, sondern besonders aktiv in kooperativer Forschung.

Nun mag man besonders aus Japan einwenden, dass die Nistep-Studie wegen der sprachlichen Barrieren die wahren Verhältnisse verzerrt. Dies wäre ein bekanntes Phänomen. Ein Großteil japanischer Forschung und Entwicklung im Motoren- und Maschinenbau, in der Materialforschung oder weiß ich welcher Technologien findet traditionell unter Ausschluss der Weltöffentlichkeit statt.

Ein Grund: Viele Forscher sprechen kein Englisch – oder trauen sich nicht, Englisch zu sprechen. Das führt dazu, dass die Forscher ihr Wissen zwar in japanischen Fachpublikationen teilen, auf Englisch wird aber nur ein Bruchteil der Ergebnisse übersetzt. Westliche Konzerne sind daher gut beraten, sich die informierten Branchenzeitungen und -magazine genau übersetzen zu lassen. Denn deren Lektüre spart überspitzt gesagt Wirtschaftsspionage – teilweise zumindest.

Dieses Schmoren im eigenen Saft ging im Zeitalter der Mechatronik noch. Denn das vergleichsweise langsame Tempo der Innovation erlaubte es Japans Firmen, die Ergebnisse der Welt zur Kenntnis zu nehmen und dann intern zu verdauen. In der Digitalära verlor Japan allerdings bereits an Grund. Doch bei der Entwicklung künstlicher Intelligenz ist dieses Lernverhalten endgültig zu langsam.

Erstens verkürzt sich der Zeitraum zwischen Forschung, Entwicklung und Einsatz. Zweitens gibt es inzwischen global so viele Mitspieler, dass Firmen und Forscher weltweit ihre Augen offen halten müssen, um grenzübergreifende Kooperationen zu schmieden oder Ideen zu kaufen. Wenn Japan daher in diesem Bereich weiter Bauchnabelschau betreibt, droht das Land im neuen Zeitalter noch weiter den Anschluss zu verlieren als im Digitalzeitalter.

()