Kopf sucht Körper

Wenn der Körper versagt, könnte man einen Menschen theoretisch retten, indem man seinen Kopf auf den Rumpf eines hirntoten Spenders verpflanzt. Das ist Sergio Canaveros Plan. Wie realistisch ist das Projekt?

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Von
  • Birgit Herden

Dieser Text-Ausschnitt ist der aktuellen Print-Ausgabe der Technology Review entnommen. Das Heft ist ab 23.2.2017 im gut sortierten Zeitschriftenhandel und im heise shop erhältlich.

Um es gleich vorwegzunehmen: In diesem Jahr wird es keine Transplantation eines menschlichen Kopfes geben. Der italienische Neurochirurg Sergio Canavero hat die medizinische Großtat zwar medienwirksam für Ende 2017 angekündigt. Doch alle befragten Experten sind sich einig, dass die erforderlichen Techniken noch zu unausgereift sind. Aber der Traum lebt weiter. Und neue Erkenntnisse in der Medizin lassen ihn keineswegs als unmöglich erscheinen.

Die Idee der Kopfverpflanzung reicht Jahrzehnte zurück. Einem Todkranken einen neuen Körper zu schenken – für diesen Traum wurden viele erschreckende Tierversuche unternommen. In den 1950er-Jahren schufen sowjetische und chinesische Chirurgen Hunde mit zwei Köpfen. In den Siebzigern verpflanzte der amerikanische Neurochirurg Robert White die Köpfe von Rhesusaffen auf andere Körper. Entscheidend war dabei ein von ihm entwickeltes Verfahren, das Gehirn auf zehn Grad Celsius herunterzukühlen. Bei dieser Temperatur kann das empfindliche Organ den Sauerstoffmangel während der Transplantation überstehen. Whites Affenköpfe besaßen allerdings keinerlei Kontrolle über ihre neuen Körper. In alten Filmaufnahmen kann man sehen, wie ein Affe hilflos die Augen rollt und die Lippen bewegt – mehr Leben war ihm nicht geblieben. Die Operateure hatten nur Blutgefäße und Speiseröhre zusammengenäht. Der entscheidende Schritt, die Verknüpfung der Nervenstränge, ist bisher nicht gelungen.

Canavero ist indes überzeugt, genau das schaffen zu können. Der italienische Arzt hat 22 Jahre als Neurochirurg an einem Turiner Krankenhaus gearbeitet. Und obwohl er derzeit keinen offiziellen Arbeitsplatz hat, konnte er Forscherteams in China und Südkorea zur Zusammenarbeit bewegen. Sogar einen potenziellen ersten Patienten hat er präsentiert: den Russen Valery Spiridonov. Er leidet an spinaler Muskelatrophie, einer seltenen Erbkrankheit, bei der die Motoneuronen absterben und die Muskeln degenerieren. Der 31-Jährige kann im Moment noch tippen, selbstständig essen und seinen Rollstuhl mittels Joystick bedienen. Wie viel Zeit ihm noch bleibt, lässt sich nicht sagen. Seinen Ärzten zufolge hätte er längst tot sein müssen.

(inwu)